Lau war sie, die Nacht. Sie verbreitete die übliche romantische Stimmung, angesichts derer man, die richtige Disposition vorausgesetzt, Situationen völlig falsch einschätzen konnte; einen Glanz sehen, der, zöge man die laue Sommernacht ab, nicht mehr da wäre. Ein angenehmer Duft nach frischem Brot wehte von der auch nachts geöffneten Bäckerei herüber. Lily atmete den Duft ein, versuchte, sich davon nicht die Sinne verwirren zu lassen. Er hatte in einer Seitenstraße geparkt. Verdammt, nicht schon wieder, dachte sie, als sie den Kindersitz sah. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, ihn vorab im Kofferraum zu verstauen. Gut, sie hatte bisher auch hauptsächlich Halbwahrheiten gesagt, aber wenn die Wahrheit ans Licht kommen müsste, hätte sie bestimmt den Mut, die Dinge beim Namen zu nennen. Sie hatte nichts versprochen, nichts eingefordert. Er konnte nicht wissen, ob er von ihr etwas zu befürchten hatte oder nicht. Dennoch lässt er sich auf mich ein, wunderte sich Lily. Oder vielleicht gerade deswegen? Gerne wäre sie tatsächlich eine Femme fatale gewesen, eine, vor der sich die Männer in Acht nehmen müssten; eine, die Köpfe verdrehte; eine, die man hinter vorgehaltener Hand eine „gefährliche Frau“ nannte. Doch die geistigen Bilder hatten immer andere Gesichter: Marilyn Monroe, María Félix, Kim Basinger, aber nicht sie, Lily. Ganz offensichtlich hielt er sie für harmlos. Gut so, dachte sie und stieg in den etwas in die Jahre gekommenen dunkelblauen Audi. Der Kindersitz war ein willkommener Grund, auf Distanz zu bleiben. Ansonsten sprach nichts, aber auch gar nichts, gegen ihn und sie wäre auch diesmal gezwungen gewesen, ihn unter Verweis auf ihren Wunsch nach Unverbindlichkeit von ihrer Seele fernzuhalten. Beinahe war sie erleichtert, dass ihr äußere Umstände die Entscheidung abnahmen. Dennoch beobachtete sie ihn genau. Auch wenn er nur einer war von vielen, konnte sie vielleicht etwas lernen. Sie hatte die notwendige Distanz, um nicht peinlich berührt zu sein, wenn sie ihn in der Öffentlichkeit erlebte oder wenn ihr auffiel, dass sein Hemd einen Fleck hatte. Sie konnte das sein, was sie sein wollte: eine bestenfalls am Rande involvierte Beobachterin. Heute verhielt er sich anders als an den anderen beiden Nächten, die sie mit ihm verbracht hatte. Die Endgültigkeit, mit der er keine Anstalten machte, ihr die Tür zu öffnen. Die Bestimmtheit, mit der er sie in der Nähe des Flakturms an einen Baum gedrückt, ihr mit der Hand unter das blaue Kleid gefahren war, die andere auf ihren Busen gepresst hatte. In der Ferne lief noch der Film, von dem sie beide nichts verstanden hatten. Die Mücken hatten ihre Beine zerstochen, trotz der Decke. Ein guter Vorwand, frühzeitig aufzubrechen. „Kino unter Sternen und mehr“ hatte im SMS gestanden, das hatte viel versprechend geklungen. Der Bildschirm flimmerte leicht, auf den wenigen leeren Sitzen lagen Werbegeschenke eines Handybetreibers. „Das Leben ist schön“, hatte er, in ihren Augen pathetisch, gesagt, als sie den Kiesweg im Augarten entlang gingen. Er hatte die Arme ausgestreckt, die Augen kurz geschlossen, seine Finger mit ihren verknotet, was ihr unpassend, unverhältnismäßig erschien. Sie war sich nicht ganz sicher, ob diese Aussage auch nur das Geringste mit ihr zu tun hatte. Es schien ihm um etwas viel Abstrakteres, Prinzipielles zu gehen. Ein trotziges Herbeischwören des Glücks, bei dem sie zufällig anwesend war. Ihr war das sehr recht, diese Austauschbarkeit. Sie hatte es noch nie ertragen, wenn ihr große Gefühle entgegengebracht wurden. Sie mochte Marios Lächeln, vor allem das von damals, vor zwei Wochen, in der Strandbar. Er hatte schöne Zähne, doch er lächelte selten. Wie schade, hatte sie damals gedacht. Er wollte kaum reden. „Ich war immer der, mit dem alle Frauen super reden konnten. Erotik und wilder Sex, das waren immer die anderen“, hatte er nicht ohne Bitterkeit nach einigen Gläsern erzählt. Sie hatte die Botschaft verstanden. Und dennoch begleitete den Sex nach der Strandbar ein unbestimmbares Gefühl von Traurigkeit. Es wehte in regelmäßigen Abständen mit dem lauen Sommerwind zum Balkon herein. Gerne hätte sie ihn gefragt, ob er es auch fühlte, doch sie verbat es sich. Sie war eine Beobachterin, die die Körperlichkeit registrierte, mehr nicht. Und dennoch hatte er eine Verletzlichkeit, der sie sich nicht entziehen konnte. Wie er im Bett die Arme im Nacken verschränkte, sich nicht zudeckte dabei, nackt da lag, ihr sich zeigte, seine lächerlich dünnen Beine. War das seine Art, sich zu offenbaren? Sieh her, das bin ich, mehr ist es nicht? Oft fragte sie sich, warum sie sich Männern nur über das Körperliche nähern konnte und dennoch letztlich das Gefühl nicht loswurde, stets an der Oberfläche zu bleiben. Vielleicht gibt es in deren Seele nicht allzu viel zu sehen, dachte sie, als sie Mario in ihrem Bett sah und er den Eindruck erweckte, dass er sich im Hier und Jetzt genügte. Dass das, was ihn ausmachte, vollständig anwesend war, mit einem Glas Rotwein in der Hand. Er ist ein netter Kerl, hatte sie damals gedacht. Nicht mehr oder weniger als die anderen auch. Er gehörte zu jenen, die am Tag danach anriefen oder ein postkoitales SMS schickten.
Heute waren sie im Augarten verabredet gewesen. Bereits von weitem hatte sie ihn kommen sehen, aber ihn erst zur Kenntnis genommen, als er direkt vor ihr stand. „Oh hallo“, hatte sie gesagt, „schön, dich wieder zu sehen.“ Er hatte ein weißes Hemd und eine helle Leinenhose an, seine Haut war gebräunt. Seine Haare waren wild zerzaust, trotz der abendlichen Stunde sah er so aus, als wäre er gerade erst aufgestanden. Sie sah an ihrem blauen Sommerkleid hinab, zu den hochhakigen Sandalen und den sorgfältig lackierten Zehennägeln. Falls es eine weitere Phase zwischen ihnen gäbe, würde sie sich darüber Gedanken machen, was das über sie aussagte und was über ihn, hatte sie noch gedacht. Das hatte sich nun erledigt. Wie schön, dass sich die Entscheidungen von selbst trafen.
Das Auto roch nach einem damenhaften Parfum, gemischt mit abgestandenem Zigarettenrauch. Ein süßliches, schweres Parfum, Samsara vielleicht. Eines, das ihre Mutter verwenden würde. „Riechst du es?“ fragte er. „Nein“, sagte sie, und zog ihn zu sich heran. Sie schob den rechten Zeigefinger unter die Knopfleiste seines Hemds. Sanft schob er die Hand beiseite. „Es ist das Auto einer Toten“, sagte er und fuhr los. „Ach ja, beinahe Geisterstunde“, sagte sie mit einem Blick auf die Uhr. Während er in Richtung Norden fuhr, beugte sie sich über seinen Schoß, öffnete seine Hose. Diesmal ließ er sie gewähren, stöhnte gelegentlich leise, lachte einmal, als ein Touristenbus direkt an ihnen vorbeifuhr und sich neugierige Gesichter an die Scheiben drückten. „Wohin fahren wir?“
„In den Himmel“, grinste er und forcierte ein Lächeln. Wie jemand, der lachen muss, um seine Nervosität zu verbergen.
„Zur Toten?“
„Ja, gewissermaßen.“
Mario bog in die Himmelstraße ein, fuhr durch Grinzing und parkte dann auf einem kleinen Parkplatz, unter dem sich ein kulissenhafter Blick auf Wien auftat. Wenig originell, dachte Lily, dieser Ort war wohl der bestbesuchte Erotikspielplatz der Stadt. Sie kannte deutlich bessere, abgeschiedenere, prickelndere.
Er stellt den Motor ab, zieht den Schlüssel ab, steckt ihn in seine Hosentasche, holt ihn wieder hervor, um das Fenster halb aufzumachen. Dann fischt er die Filmdose aus seiner Jacke, die am Rücksitz neben dem Kinderkram liegt und dreht sich in aller Ruhe einen Joint. Zündet ihn an, bietet ihn ihr an. Sie schüttelt den Kopf und denkt: toll, wahrscheinlich so einer, der glaubt, bekifft kann er’s besser.
Sie bemüht sich, den unangenehm süßlichen Rauch nicht einzuatmen. Sorgfältig klappt sie ihren Sitz so weit nach hinten wie möglich, streckt die Beine aufs Armaturenbrett. Ihr Kleid rutscht nach oben. Er sieht sie aus den Augenwinkeln an und starrt durch die Windschutzscheibe aufs nächtliche Wien.
Sie sieht ihn rauchen, sieht seine weißen Zähne gelegentlich aufblitzen, das weiche Profil, die verwuschelten Haare. Seine Stimme hört sich an wie aus dem Off. Eine Filmvorführung nur für mich allein, was für eine Farce, denkt Lily, als sie die Entschiedenheit in seiner Stimme hört und beschließt, sich berieseln zu lassen.
„Mein Vater hatte eine andere, so lange ich denken kann“, sagt er unvermittelt, ohne Einleitung. „Und das, obwohl er früher, viel früher, mal Priester war, katholischer sogar.“
„Hört, hört. Du bist der Sohn eines Priesters?“ Belustigt bekreuzigt sie sich. Gar nicht unspannend, diese Geschichte, denkt Lily, wohl wissend, dass keine Geschichte jemals zufällig erzählt wird.
„Mein Vater hat sich zwar lange bemüht, diejenige, die meine Mutter ist, als Pfarrersköchin bei ihm einzuschleusen, aber auf diesem Posten saß schon eine andere. Also hat er seinen Hut genommen und hat meine Mutter geheiratet.“
„Feine Geschichte. Aber vielleicht hat er es dann mit der Nächstenliebe ein wenig zu weit getrieben.“
„Ja, kann sein. Ich weiß auch nicht, wie das kam. Jedenfalls hat er wohl nicht nur für meine Mutter allein das Priestertum und das Zölibat aufgegeben. Wenn er schon mal frei war, wird er sich wohl gedacht haben, dann nicht nur für eine Frau.“
„Ob das besonders christlich ist?“
„Keine Ahnung, aber ich denke eher nicht.“
„Bist du gläubig?“
„Nein, wie könnte ich denn auch?“
„Du bist verheiratet?“ fragt Lily mit einem Blick auf seine nackten Finger.
„Ja, …“
„Wo ist dein Ehering?“ unterbricht sie ihn.
„Auf der Hochzeitsreise verloren.“
Während er an seinem Joint zieht, kommt er nicht umhin, sich zu fragen, ob sie denn verstünde, worum es ihm ging. Gleichzeitig fragt er sich, ob er stark genug sein würde. Er sieht sie von der Seite an, wie ihr Schmunzeln die Grübchen um ihren Mund betont. Sie war schön, auf eine sehr eigene und unprätentiöse Art schön. Ihr Kleid war nach oben gerutscht. Sie ließ es, wo es war. Eingehend betrachtet er ihren Slip, der knapp, durchsichtig, sündig ist. Er weicht ihrem Blick aus, sieht zum Seitenfenster hinaus. Mit einer harschen, fast wütenden Bewegung wirft er das Kleid auf den Rücksitz; das blaue Kleid, das sie soeben lautlos ausgezogen hat. Er möchte sie nicht ansehen, sie ist zu verführerisch, sie würde jeden Vorsatz zunichte machen. Wegwerfend, fällt ihr ein bei seiner Geste, wegwerfend.
„Meine erste Erinnerung ans Erwachsenwerden war Johanna, diese Frau, die nicht zur Familie gehörte und dennoch Teil von ihr war. Sie hat weiterhin für meinen Vater gearbeitet und dann wohl eine nette Pension bekommen. Damals war sie die klassische Sekretärin, Minirock, auftoupierte Haare, Acrylfingernägel. Als ich sie zum letzten Mal sah, trug sie beige Strickjacken und orthopädische Schuhe. Jeden Sommer, während meine Schwester und ich ins Feriencamp nach Kanada geschickt wurden, flog sie mit meinem Vater nach Kreta. Jeder wusste es, aber niemand sprach darüber. Keine Ahnung, was meine Mutter in der Zwischenzeit machte. Niemals hätte ich sie gefragt, auch heute nicht. Jeder wusste von dem Verhältnis, aber keiner kommentierte es offen. Es wurde stillschweigend zur Kenntnis genommen. Wenn ich mich damals über die bewundernden Blicke meiner Mitschüler in der Volksschule gewundert habe, so weiß ich nun, warum. Auch sie hatten die Geschichten mitbekommen, die in der Siedlung die Runde machten und die eigentlich nicht für Kinderohren bestimmt waren. Ein toller Hengst sei er, hörte ich sie manchmal flüstern, bevor ich auf dem Schulhof zu ihnen stieß. Ich dachte an friedlich grasende Haflinger und einen Ausritt durch einen glasklaren Bach. Niemals wäre ich auf die Idee gekommen, dass das was mit meinem Vater zu tun haben könnte.
Mein Vater und seine Geliebte haben eine Stabilität vorgelebt, die es bei uns nie gegeben hat. Die Jahre vergingen, tausend Dinge geschahen, aber die beiden, die waren immer noch da. Sogar bei meiner eigenen Hochzeit war sie da, die Geliebte meines Vaters, obwohl ich sie nicht eingeladen hatte. Sie ging immer als Freundin der Familie durch, sie kannte alle und alle kannten sie. Sie war immer nur die Johanna. Unaufdringlich und gleichzeitig beharrlich und selbstbewusst. Das hat mich immer sehr wütend gemacht. Rückblickend haben mich wohl die falschen Dinge wütend gemacht.“
„Ich habe den Wink mit dem Zaunpfahl verstanden: Du möchtest nicht in die Fußstapfen deines Vaters treten. Aber was hat das mit mir zu tun?“ fragt sie, um das Gegenteil zu hören. Richtet sich auf, macht sich den BH auf. Sie drückt seinen Kopf zwischen ihre Brüste. Fast widerwillig, wie sie findet, beginnt er, an ihrer linken Brustwarze zu saugen. „Eine ganze Menge“, antwortet er ohne aufzusehen. Abrupt hört er wieder auf, sagt unvermittelt: „Es ist ja nicht so, dass dieses Thema bei uns jemals konversationsfähig gewesen wäre, auch heute nicht. Bei uns wurde alles unter den Teppich gekehrt. Aber einmal, kurz nach ihrem Tod, hat sich mein Vater mir anvertraut, im nächsten Moment war es ihm bereits peinlich. Jedenfalls sagte er etwas von verpassten Gelegenheiten, von Feigheit, von einem Lottosechser, den er nie eingelöst hat. Und von einer Leidenschaft, die er sich immer gewünscht hat und zu der er nie stehen konnte oder wollte. Johanna und er, sie hätten zueinander gehört. Sogar wir Kinder haben das gespürt, aber natürlich völlig falsch gedeutet. Wir betrachteten Johanna als Störfaktor in unserem trauten Familienleben. Dass das alles Fassade war, haben wir natürlich nicht kapiert. In Wirklichkeit war Johanna wohl der Mensch, der am besten zu meinem Vater passte. Aber sich einzugestehen, dass ein halbes Leben falsch war und von vorne anzufangen, dazu hatte er keinen Mut.“
„Wäre sie denn dazu bereit gewesen?“ fragt Lily. „Das ist für mich eine weitere Unbekannte. Ich weiß es nicht. Auch sie war verheiratet. Trotz der unorthodoxen Verhältnisse sowohl bei Johanna als auch bei meinem Vater war letztlich Johanna die, die sich den Wünschen meines Vaters unterordnete. Wenn er gewollt hätte…ich denke, ja, ich denke, sie hätte sich für ihn entschieden.“
„Weißt du, man sagt, mit den Jahren wird man seinen Eltern ähnlicher. Schon ironisch, dass ich heute nachfühlen kann, was ich damals nicht verstand. Warum in aller Welt sollte man einen Lottosechser nicht einlösen wollen? habe ich mich damals gefragt. Damals, als mir das Leben noch sehr einfach erschien. Heute kann ich das sehr viel besser verstehen“, sagt er und zündet seinen Joint wieder an. „Heute, in diesem Moment, meinst du“, sagt Lily. „Ja“, antwortet er leise, mit einer Stimme, der er gerne deutlich mehr Bestimmtheit verliehen hätte. Wieder sieht er zum linken Seitenfenster hinaus. „Verpflichtungen, falsche Versprechungen, Abhängigkeiten, der ganze Kram.“
„Mein Leben und ich, wir passen nicht zusammen“, sagt er schließlich mit einer vagen Geste auf den Kindersitz. Er verfolgt den Gedanken nicht weiter, lässt ihn in der Luft hängen. Sie sagt nichts.
„Diese ganze Inszenierung hier ist völlig unnötig“, flüstert Lily schließlich, legt ihre Hand hinter sein Ohr und zieht ihn zu sich herunter. „Der Lottosechser geht zurück in den Topf und alle sind glücklich.“ Sie hatte keine Ahnung, ob sie das glaubte, was sie sagte. Es klang gut und es war ein lauer Sommerabend, sie wollte wegen seiner rührseligen Anwandlungen nicht auf Sex verzichten. Sie hatte sich zwar noch nicht sattgelebt an ihm, aber sie würde ihm nicht den Gefallen tun, ihn zu halten. Sie verspürte keinen Drang, sich das Leben schwieriger zu machen als es war. Wahrscheinlich würde er sowieso wiederkommen. Er wirkte nicht wie jemand, der stark genug war, Entscheidungen durchzusetzen, an die er nicht glaubte.
„Jedenfalls ist sie jetzt tot, Johanna, die Geliebte meines Vaters“, sagt er plötzlich, und seine Stimme bricht. „Die zweite Mutter, die ich nie wollte, hat kurz vor ihrem Tod an mich gedacht. Ich wollte immer ein Auto, konnte mir aber keines leisten. Da hat sie mir ihres vermacht. Ich hätte heulen können vor Scham. Jetzt fahre ich es, rieche ihr Parfum auf dem Lenkrad und es vergeht kein einziger verdammter Tag, an dem ich nicht über verpasste Gelegenheiten nachdenke und über das Leben, das ich führen möchte. Nie war ich so unsicher darüber wie heute.“
„Mario, bitte, du überschätzt meine Beweggründe. Es ist ein toller Sommerabend, bald kommt der Herbst, und du erzählst mir von Tod, von Lottosechsern und deinen Eltern. Können wir uns nicht eine schöne Nacht machen? Die letzte, meinetwegen?“ Sie hatte einen erleichterten Blick erwartet, einer der sagte: endlich. Stattdessen sieht sie Enttäuschung in seinen Augen, als ob er nicht erwartet hätte, dass sie so schnell aufgibt. Als ob er erwartet hätte, dass sie um ihn kämpft, dass ihre eigene Entschlossenheit für sie beide reicht. „Nein“, sagt er, dreht sich weg und langt wieder nach der Dose mit dem Hasch. „Ich möchte dir das mit der Toten verständlich machen. Ich möchte, dass du verstehst.“ Er zieht heftig am nächsten Joint, raucht schweigend, bietet ihn ihr nicht mehr an. Irgendwann verstummt er.
Eine Zeitlang war nur das gleichmäßige Inhalieren zu hören und das Zirpen der Grillen durch das offene Fenster. Nach und nach hatte sie sich wieder angezogen, behutsam ein Kleidungsstück nach dem anderen, wie auf gefährlichem Terrain, wo unbedachte Bewegungen Lawinen auslösen konnten.
„Ich bin im Himmel“, kichert er schließlich, sichtlich bekifft. „Weißt du denn überhaupt, was du willst?“ fragt sie ihn dennoch. „Im Himmel bleiben, frei sein, keinen Kindersitz im Auto haben…“ Wieder hysterisches Lachen.
In einem Respektabstand parkt ein Auto gleicher Marke. Sie kann einen männlichen Fahrer ausmachen, der mit Schwung kurz vor dem Abgrund Halt gemacht hat. Schattenhaft sieht sie eine Person auf dem Beifahrersitz. Sie sieht gespannt zu, wie das Licht ausgeht und erst mal nichts passiert. Dann sieht sie die Lichthupe, zählt mit, drei Mal. Dann eine kurze Pause und wieder von vorn. Sie glaubt zu erkennen, dass ihr das Paar viel sagende Blicke zuwirft. Schön, wenn sich die Dinge so fügen.
Sie dreht sich nach links, sieht Mario schlummern. Sein Kopf war zur Seite gefallen, seine Haare stehen wirr vom Kopf ab. Sie widersteht dem Impuls, ihm durch die Locken zu fahren, zufällig etwas zu vergessen oder etwas von ihm mitzunehmen – eine CD, einen Schlüsselanhänger, ein Notizbuch, ganz egal. Sie atmet noch einmal das süßliche Parfum ein, tastet nach ihren Sandalen und ihrer Handtasche und lässt die Tür sachte ins Schloss fallen.
Sie finden das kostenlose Literatur-Angebot im Internet gut? Dann spendieren Sie mir doch einen Kaffee!
