Mein Nachbar klopft. Nein, er klopft nicht an meiner Tür. Schade eigentlich. Wenn er an meiner Tür klopfen würde, könnte ich ihn endlich mal kennenlernen. Warum hab ich das bis dato eigentlich tunlichst vermieden? Ach ja richtig, ich liebe die Anonymität. Deshalb wohne ich in einem anonymen Hochhaus im 22. Stock mitten in einer anonymen Stadt und bin froh, dass dem so ist. Sollte mir mal der Zucker ausgehen, werde ich meinen Schwarztee halt ohne trinken oder durch die halbe Stadt zu einer Freundin fahren und auch gleich dort übernachten. Weil´s persönlicher ist.
Jetzt klopft er noch immer. Warum klopft er? Keine Ahnung, sein Problem. Irgendwie hört es sich an, als ob er erfolglos Nägel einschlagen würde. Aber warum macht er das am Vormittag? Wieso geht er nicht arbeiten? Möglicherweise hat er sich frei genommen, um endlich mal alle seine Bilder aufzuhängen, die sich seit langem auf seinem Boden stapeln. Woher ich das weiß? Nun ja, im Sommer, ganz zufällig, war ich auf meiner Terrasse und habe einen klitzekleinen Blick über die Trennwand hinweg auf seine Terrasse und durch die Glastür in seine Wohnung riskiert. Hab dabei eh Kopf und Kragen riskiert. 22. Stock, müssen Sie sich mal vorstellen. Wollte nur wissen, ob seine Wohnung die gleiche Größe oder Kleine hat wie meine. Hat sie, glaub ich. Zum Glück war er nicht da. Hätte er mich gesehen und mich darauf angesprochen, hätte ich gesagt, ich möchte anonym bleiben.
Das Klopfen geht weiter. Möglicherweise ist er ein Anti-Handwerker wie mein Vermieter, der pro Bild oder Wandregal mindestens zehn Fehlversuche mit hässlichen Löchern begeht, um einen Treffer zu landen. Schlechte Quote. Ja, so einer muss er sein. Denn er hämmert jetzt schon ganz schön lang.
Andererseits: seine Wohnung ist anscheinend so klein wie meine. Will heißen, egal wie viele Bilder er hat, langsam müsste ihm der Platz ausgegangen sein. Im Bad oder Klo aufhängen? Das traue ich ihm nicht zu, denn da braucht man obendrein wegen der Fliesen auch noch eine Bohrmaschine und er scheint ja nicht einmal mit dem Hammer richtig umgehen zu können. Wahrscheinlich von Beruf Schriftsteller. Deshalb hat er auch Tagesfreizeit. Gott, das klingt nach Rubrik “Lebenslust” in der Wochenendbeilage der Zeitungen: “Aufgeschlossener, attraktiver Er mit Tagesfreizeit sucht gebundene, aber nicht angebundene erotische Sie für gemeinsame Erfahrungen”. Ja – so einer ist er! Hoppla – jetzt habe ich laut gelacht. Hoffentlich hat er mich nicht gehört. Sonst denkt er noch, ich mache mich über ihn lustig.
Er hämmert tatsächlich noch immer. Das gibt´s ja nicht.
Mein Blick fällt auf meine Pinnwand. “Man kann nicht nicht kommunizieren”. Tausendmal wiedergekäut in den Publizistik-Lehrveranstaltungen. Beispiel ein Leuchtturm: er redet nicht, er gestikuliert nicht, er transportiert keine Botschaft durch Kleidung oder auffälliges Verhalten und trotzdem kommuniziert er. Eben weil er da ist, weil er Licht abgibt, weil er die Richtung weist. So. Jetzt weiß ich noch ein Beispiel: der Hammer, das Hämmern, das Klopfen. Das bedeutet etwas. Er kommuniziert. Aber was?
Er will mir was sagen. Wieso kommt er nicht rüber und läutet? Möglicherweise hat ihn mein Schild “Anonymität erwünscht, Vertraulichkeiten verboten” abgeschreckt. So ein Hasenfuß. Vielleicht kann er nicht rüberkommen, auch wenn er beschlossen hätte, mein Schild als schlechten Scherz zu nehmen (ist es aber nicht!). Vielleicht übt er Morsezeichen. Vielleicht ist ihm fad. Vielleicht geht seine Meditation mit Klopfzeichen einher. Aber bis jetzt hatte ich das noch nie gehört. Vielleicht hat er gerade damit angefangen? Stimmt, er war das ganze Wochenende nicht da. Ein Seminar in Sachen Klopfzeichen?
Er übt. Er übt hartnäckig.
Zu hartnäckig. Und es klingt immer gleich. Ich sehe auf die Uhr. Beschließe, ein mail zu schreiben und mich in einer halben Stunde dem Problem Nachbar mit neuen Energien zuzuwenden.
Die halbe Stunde ist rum. Das mail ist draußen. Das Hämmern ist noch da.
Mir kommt´s (Nein, nicht was Sie denken. Die Erleuchtung ist gekommen). Er braucht meine Hilfe! Er sendet Morsezeichen! Er sagt “SOS”. Oder vielleicht doch nicht? Angestrengt denke ich an meine nicht besonders erfolgreiche Pfadfinderzeit zurück. Durch die Radikal-Frische-Luft-Kur damals bin ich wohl zur Stubenhockerin geworden. Und schlafen in Zelten ist mir mittlerweile auch ein Gräuel. Lieber im 22. Stock ohne Tausend Körper um mich herum. Wahrscheinlich mehr als Tausend, aber ich muss sie nicht sehen. Ergo gibt es sie irgendwie auch gar nicht.
Ich steige ins Internet ein und suche heraus, wie man “SOS” in Morsezeichen ausdrückt. Aha…drei Mal kurz, drei Mal lang, drei Mal kurz.
Nun müßte man halt wissen, wie das mit lang gemeint ist. Heißt das, dass man lange auf dem jeweiligen Zeichen verharrt, oder dass man dazwischen eine lange Pause macht? Aber wie soll man mit einem Nagel und einem Hammer ein langes Zeichen zustande bringen? Man haut drauf und das war´s dann auch schon. Halt! Es ist ja gar kein Nagel. Es ist sicher seine mittlerweile blutig geschlagene Hand gegen die Wand. Gegen diese bessere Rigips-Wand, die uns trennt und auf der man keine schweren Bilder aufhängen kann, weil man dann befürchten muss, beim Nachbarn im Wohnzimmer zu stehen. Er liegt also da, womöglich verwundet durch einen Unfall beim Kastl zusammen bauen oder Marmelade einkochen. Was man halt so macht an freien Tagen oder wenn der Schriftsteller eine Blockade hat. Handyempfang ist in diesem Hochhaus nicht vorhanden, wir hätten wohl höher hinaus müssen. Festnetz hat er keines. Freunde wohl auch keine, die in absehbarer Zeit nach ihm suchen würden. Wahrscheinlich würden die Nachbarn heran schleichen, aufmerksam geworden durch einen nicht mehr erträglichen Geruch im Gang, den sie trotz großer Wertschätzung der Anonymität nicht mehr ignorieren konnten. Die Nachbarn? Die Nachbarn bin ich. Ich? Bin ich zuständig? Bin ich gewählte Interessensvertreterin? Ich habe in diesem Haus keine Stimme, bin schließlich nur Mieterin und keine Eigentümerin. Also was geht mich das an, wenn einer hier nebenan zu blöd ist, um einen Nagel in die Wand zu hauen?
Der Gedanke an die blutige Hand geht mir nicht aus dem Kopf. Ich lausche auf die Abfolge der Klopfzeichen. Sie werden immer schwächer, wie aussterbend. Ihm geht die Kraft aus. Oder die Meditation hat ihn in einen anderen Bewusstseinszustand versetzt, in dem er nicht mehr klopft sondern…masturbiert? Zeitung liest? Sessel rückt?
Die paar Zeichen, die ab und zu, in immer größer werdenden Abständen, zu mir herüber kommen, haben eine gewisse Ähnlichkeit mit dem, was ich mir unter einem geklopften “SOS” vorstellen würde. Aber eben auch nur annähernd. Vielleicht klopft er “ich hasse die Welt im Allgemeinen und meine Nachbarin im Besonderen”. Obwohl ich sie gar nicht kenne, müsste er hinzufügen.
Ich überlege: wenn ich jetzt kurzerhand bei ihm die Tür aufbreche und ihm selbstlos meine Hilfe in seiner brenzligen Situation anbiete, er in Wirklichkeit nur seine misanthropischen Techniken verfeinert, dann stehe ich da wie der letzte Depp. Oder nicht? Vielleicht wäre das für ihn DIE Offenbarung. Er arbeitet an seiner Verachtung der Menschheit im Allgemeinen und der Nachbarn im Besonderen und was tut diese Nachbarin? Sie steht lieb und freundlich in der Tür…mit einem Brecheisen. Naja, wäre wohl wenig überzeugend. Allerdings könnte ich ja das Brecheisen in dem kleinen Abstellkammerl links neben der Eingangstür (ist bei mir rechts also muss ich mir alles nur spiegelverkehrt denken) abstellen und mich mit einem Stück Kuchen präsentieren. Hab ich ja keinen. Ein paar Kekse hätte ich. Aber wie macht sich das, wenn die Packung schon offen ist? Da könnte er glatt meinen, ich möchte sie weiterhaben, bevor zu Weihnachten die Keksflut einsetzt und ich lieber letztere genießen möchte als diese alten Dinger? Na gut, dann bring ich ihm eben Soletti mit. Von denen hab ich eine verschlossene Packung.
Nur: wie soll ich die Tür aufbrechen, ein freundliches Gesicht machen und noch die Soletti halbwegs heil durch das ganze Abenteuer bringen? Fragen über Fragen.
Auf eines gibt es eine ganz klare Antwort: ich sage in aller Klarheit, dass ich ganz sicher nicht ungeduscht und ungeschminkt zu meinem Nachbarn gehe. Also dusche ich, kürzer als üblich, man weiß ja nie. Während ich mich von Kopf bis Fuß mit Körpermilch einschmiere überlege ich, wo ich beim Türaufbrechen die Soletti hintun soll und was ich als Begrüßung sagen soll. Hallo, ich bin Rotkäppchen von nebenan und möchte gerne Wahlwerbung für die bevorstehende Nationalratswahl machen? Uns sind die Kugelschreiber und die Feuerzeuge ausgegangen und darum wurden wir von der Partei angehalten, potentiellen Wählern ganz persönliche Geschenke zu überbringen. Und da hab ich an Sie und an die verschlossene Packung Soletti gedacht.
Ich sehe mich schon, wie ich nach dem ersten einstudierten Satz total hängen bleibe. Kein Wunder, dass bei Parteiveranstaltungen meine Vortragstätigkeit nicht außerordentlich nachgefragt wird.
Oder soll ich sagen: ich bin ehemalige Pfadfinderin und bin heute zu einer guten Tat aufgelegt? Und wenn bei ihm alles in Butter ist und er lediglich im Internet auf Pornoseiten rumsurft, wo ist dann die gute Tat? Dass er rot wird und glaubt, ich bin eine konservative prüde alte Tante, die schon lange keinen Mann mehr gesehen hat?
Während ich mir die Wimpern mehrmals tusche und die Augenringe überschminke, höre ich ihn sagen: “Bei mir alles bestens, aber vielleicht kann ich was für dich tun…” Womit er sich mir lässig und anzüglich zugleich nähert. Aha, sehr von sich selbst überzeugt. Was tun? Zwei Möglichkeiten: mir die Genugtuung geben, einen eingebildeten aalglatten Lackaffen abblitzen zu lassen und im Anschluss kalt duschen. Oder aber sein blödes Gequatsche und Gehabe ignorieren; im Bett sind sie schließlich alle gleich? Und wenn ich mit ihm ins Bett gehe und morgen oder übermorgen durch die dünne Wand höre, wie er sich mit einer anderen (der Freundin? der Frau? dem Mädchen des Abends?) vergnügt – soll ich dann beleidigt sein? Ach was, der Typ will mich doch nur rumkriegen. Deswegen macht er wohl auf “Nachbar in Not”. Mal eine ganze andere Masche. Sicher um Häuser besser als “In welchem Semester bist du?”. Aber nicht gut genug.
Aber nun, da ich schon geschminkt bin, kann ich mir auch gleich was Ordentliches anziehen. Mal raus aus der ausgeleierten Jogginghose. Wie anziehen? Lässig? Elegant? Sexy? Understatement?
Während ich mir diverse Kleidungsstücke durch die Finger gleiten lasse, höre ich es wieder: ein leises Klopfen. Allerdings besteht mittlerweile die Möglichkeit, dass sich das in meinem Kopf abspielt. Würde mich nicht wundern. Ich lausche genau. Ja, es kommt aus meinem Kopf. Allerdings ist bei genauerer Betrachtung mein Kopf nicht allzu weit von der nachbarlichen Wohnung entfernt. Es könnte also durchaus von dort kommen. Ganz so rhythmisch ist das Geklopfe nicht mehr. Stufe zwei im Meditationskurs? Er arbeitet gerade Kindheitserfahrungen auf. Kein Wunder, das kann nicht harmonisch abgehen.
Oder er kratzt gerade an seiner Substanz, manifestiert noch ein bisschen Lebenswillen, indem er eben dieses Klopfen von sich gibt. Und was tut seine hartherzige und eingebildete Nachbarin? Sie überlegt, ob sie die quergestreifte Bluse oder das rote Top anziehen soll! Während er Todesängste aussteht und Höllenqualen erleidet.
OK, ich mach mich gleich fertig. Zwänge mich in meine engste Jean und schlüpfe in die quergestreifte Bluse. Merke, dass sich unter der quergestreiften Bluse der schwarze BH deutlich abzeichnet. Da ich nicht den Eindruck erwecken möchte, ich lenke den Blick auf meinen Busen, ziehe ich die Bluse wieder aus und einen weißen BH an. Der passt jetzt natürlich nicht mehr zum Slip. Oben weiß, unten schwarz. Sieht echt beschissen aus, wie ein Zebra. Oder nicht? Also kurze Farbanpassung. Ein Blick in den Spiegel. Meine Haare sind eine Katastrophe, stehen in alle Richtungen, weder glatt noch lockig – aber ich hab es irgendwie eilig. Die schnellste Lösung: plätten. Haarwachs wirkt Wunder. Ein paar Mal kräftig in den Tiegel gelangt und die Haare sehen sehr präsentabel aus. Ich sehe sehr präsentabel aus. Noch eine abschließende Fingerkuppe voll Haarwachs in die Deckhaare…und schon sehe ich aus, als ob ich mir seit Wochen die Haare nicht mehr gewaschen hätte. Fuck! Was tun? Hilft nichts, so kann ich nicht vor die Tür gehen. Kopf unter den Wasserhahn, Haare waschen im Schnellverfahren. Beschließe, eben mit nassen Haaren mit Pferdeschwanz bei meinem Nachbarn aufzukreuzen. Wenn er am Krepieren ist, wird ihm das wohl wurscht sein. Hoffentlich sieht mich sonst keiner. Wäre blöd, wenn mir ein Märchenprinz über den Weg laufen würde und ich sähe aus wie ein begossener Pudel. Ach was, ich riskiere das jetzt.
Obwohl…wenn ich es mir recht überlege, klopft er eh nicht mehr.
Fragt sich nur, was das zu bedeuten hat. Es kann heißen, dass er seinen bizarren Aufrissversuch wegen Erfolgslosigkeit begraben hat. Es kann aber auch sein, dass seine Meditation in Tiefschlaf oder in leise Gespräche mit Verstorbenen übergegangen ist. Oder aber…? Nein, letzteres ist es nicht. Ganz sicher nicht.
Unschlüssig stehe ich im weißen BH und langen nassen Haaren, von denen Wasser auf den Boden tropft, in meinem Vorzimmer und denke angestrengt nach.
Draußen fängt es an zu regnen. Das Geräusch der Tropfen, die gegen das Fenster schlagen, vermischt sich mit den realen oder eingebildeten Klängen in meiner Wohnung, der Nachbarwohnung und meinem Kopf zu einer unerträglichen Kakophonie. Ich versuche, die Geräusche auseinander zu dividieren. Wer klopft? Er? Die Regentropfen? Der Vogel, der sich bei mir eingenistet hat?
Aha…jetzt bekommen die Vögel in meinem Kopf Konkurrenz von anderen Geräuschen. Aufatmen. Seine hochkarätige Stereoanlage beglückt mich, wie so oft, mit absolut unerträglichen Geistesstörungen. In beachtlicher Lautstärke. Dann ist ja alles in bester Ordnung.
Super, dass ich den halben Vormittag, anstatt mir drei Talkshows reinzuziehen oder mit herrlich anonymen Menschen zu chatten, damit vergeudet habe, einem Hirngespinst nachzujagen. Total schwachsinnig.
Drei Tage später fällt mir zum ersten Mal auf, dass sein Fußabstreifer noch immer an seine Tür gelehnt ist, so wie es die Dame vom Putzdienst einmal pro Woche beim Bodenwischen macht. Wenn man seine Wohnung verlassen will, muss man ihn gezwungenermaßen in die richtige Position bringen. Nach eingehender Überlegung komme ich zu dem Schluss, dass seine Stereoanlage noch immer spielt – oder ist es Radio? Oder eine Endlosschleife seiner ewiggleichen CD? Mittlerweile hab ich mich daran gewöhnt. Im Grunde gar kein so schlechter Sound.
Also zusammengefasst: Musik an, Fußmatte oben. Eine Zeit lang denke ich über dieses Resümee nach. Aber ganz ehrlich: was geht mich das alles an? Die heutigen Talkshows werde ich mir sicher nicht entgehen lassen.
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