Fr. Superwichtig von der Personalberatung Überflieger nimmt Anlauf, blättert
mit langen Acrylfingernägeln hastig und nur in ihren eigenen Augen geschäftig-wichtig
in einigen Unterlagen, die geschickt auf ihrem Schreibtisch aufgetürmt
sind, um Betriebsamkeit vorzugaukeln. Schickt sich an, in den folgenden Minuten
über mein berufliches Sein oder Nichtsein zu entscheiden. Wird der Stab
gebrochen? Oder darf ich weiter zum Monarchen?
Ich hatte mir eingeprägt, dass, wenn einem jemand unsympathisch ist, man
trotzdem den Blickkontakt wahren muss und nicht einfach auf die scheinbar bewegungslosen
Sekundenzeiger der eigenen Armbanduhr starren kann, man eben in diesem Fall
die Nasenspitze der einem gegenüber sitzenden Person fixieren soll. So.
Allerdings irritiert mich der schlecht weggeschminkte Pickel (in ihrem Alter?)
bei meinem Vorhaben. Es geht hier um meine berufliche Zukunft, sage ich mir
immer wieder geistig vor und bin fest entschlossen, nicht dem beißenden
Zynismus zu erliegen, der in mir hochkriecht.
“So, Frau Februar.” Grins.
Grins retour. Zähneblecken. Draußen prasselt der Regen gegen die
Fensterscheiben und die Perchten laufen durch die Gegend. Vom Regen in die Traufe.
“Glas Wasser?” frage ich so höflich wie möglich und so unterwürfig
wie nötig.
“Ach ja, können Sie haben.”
Der träge Griff zum Telefonhörer. “Jeanine? Ja bitte, ich bin
gerade in einem Interview und die Dame will tatsächlich ein Glas Wasser.
Hast Du Zeit?”
Punkt eins auf meiner Wertung. Geistig notiere ich den Zwischenstand.
“Also gehen wir noch mal Ihren Lebenslauf durch und dann erzähle ich
Ihnen alles, was Sie zu der ausgeschriebenen Position wissen müssen.”
Mein Lächeln spiegelt wohl meinen Gedanken wieder, dass ich meinen Lebenslauf
eigentlich nicht erzählen brauche und will, denn der steht schließlich
auf dem Papier. Sind wir in der Märchenstunde? Wenigstens die Rolle der
Hexe wäre schon besetzt.
Ich mein bestes Pokerface. Sie ihr einziges Pokerface. Sie kann es besser.
Aber ich bin mit oder ohne Pokerface um Klassen hübscher. Und das weiß
sie auch. Stil hat man oder eben nicht.
“Familienstand? Ledig, verheiratet, geschieden?”
“3 Mal geschieden, aber seit einiger Zeit überzeugte Lesbe”,
bin ich versucht zu sagen, reiße mich aber am Riemen, antworte “ledig”.
“Ledig ledig oder ledig Lebenspartnerschaft?” kommt es aus dem Mund der übriggebliebenen
ewigen Jungfer, die wohl zuletzt ihr Arzt bei der alljährlichen Vorsorgeuntersuchung
nackt gesehen hat. Ich stelle mir ihre Katze vor, die ihr davongelaufen ist,
auch Viecher haben eine Schmerzgrenze für ins Hinterzimmer der Psyche gekehrten
sexuellen Frust, der sich dann in kompulsiven Sheba-Masseneinkäufen, neurotischem
Waschzwang oder krankhaft zur Schau getragenem aber aufgesetzt wirkendem Selbstbewußtsein
äußert. Oder alles auf einmal.
“Ledig ledig ledig” sage ich züchtig wie Trotzkopf.
Saure Gurke die zweite. Bravourös weg gesteckt.
“Sie schreiben, Sie sprechen mehrere Sprachen. Erläutern Sie dies
bitte.”
“Wie gesagt, spreche ich X, Y und Z. Wir können dieses Gespräch gerne auf X
führen. Oder auf Y? Z?”
Ein Profi übergeht so was elegant. Sie hat wenig Zeit, um ihre Wunden zu
lecken.
“Wo befindet sich die Kontrollbank geographisch?”
“Ich vermute im Bankenviertel. Die Nationalbank, bei der ich beschäftigt bin,
wie Sie meinem Lebenslauf entnehmen können, befindet sich am Otto-Wagner-Platz
Numero 3″. Unverhofft kommt oft. Ein Homerun. Ich könnte mir auf die Schenkel
schlagen vor Vergnügen. Registriere, dass die Möglichkeiten zur Job-Ergatterung
nicht zuletzt aufgrund meiner Antipathie gegenüber dieser Frau gen Null sinken.
Damit es nicht ganz umsonst war, mache ich sie zumindest zum Opfer meiner rhetorischen
und, in weiterer Folge, literarischen Begierde. Frau soll sich nur mit den Besten
messen.
“Aha, hmhm, jajajaja.” Ein Griff zur Brosche auf ihrem makellosen Kostüm. “Was
anderes: Jeder Mensch hat so seine Schwächen. Nennen Sie mir Ihre.”
Ihr nachsichtiges Lächeln will besagen, dass alle normalen Menschen Schwächen
haben, die sie mehr oder weniger ehrlich eingestehen. Frau Superwichtig von
der Personalberatung Überflieger hat natürlich keine. Sonst wäre sie nicht Personalberaterin
mit einer goldumrandeten Karte, auf der das Wort “consultant” prangt, bei dessen
schierem Anblick frau vor Ehrfurcht erschaudert.
“Männer, Bücher, Schokolade. In der Reihenfolge.”
Die Augenbrauen heben sich, Konsternation macht sich breit. Ihr Notizblock,
dessen Inhalt sie tunlichst vor mir verbirgt, indem sie ihn beim Schreiben schräg
auf die Tischkante aufstützt, scheint ihr Probleme zu machen. Unter welcher
Kategorie so eine Antwort einreihen? Schwachsinnig? Pervers? Ich passe wohl
in keine Kategorie…was soll sie nun mit ihren vorgegebenen Schablonen anfangen?
Sie macht sich eine Fußnote.
“Ach noch was.” Erschrocken, fasziniert, abgestoßen (?) blickt
sie mich an. Die hat Nerven. “Mein Vater sagt, ich sei intellektuell hochmütig;
vor allem bei Themen, bei denen ich mich besser auskenne als andere.”
Sie glaubt einhaken zu können. Verlockende Falle.
“Was machen Sie in Ihrer Freizeit?”
“Derzeit lese ich Balzac. Den mit der Comédie humaine.” Schnapp,
gefangen, gefressen, hinuntergewürgt. Und in hohem Bogen ausgespuckt.
Pokerface weicht Ratlosigkeit.
“Ist so wie Goethe im deutschen Sprachraum.” Hass zeichnet sich in
ihren Augen ab. Die Pupillen sind auf ein anatomisches Mindestmaß geschrumpft.
“Was würden Ihre Kollegen über Sie sagen?”
“Wie kann man bloß so bescheuerte Fragen stellen? Läßt
Ihr Manuskript keinen Raum für Kreativität?” Fast hätte
ich es gesagt. Beschließe, ein Minimum an Umgangsformen an den Tag zu
legen. Ansonsten komme ich noch auf die schwarze Liste der Innung der Personaltussis
und -schnösel und werde in Hinkunft mein Leben, von Heulkrämpfen ob
meiner Blödheit gebeutelt, als mittel- und erfolglose Schriftstellerin
fristen, anstatt in den heiligen Hallen der Diplomatie oder des Bankwesens hackeln
zu dürfen.
“Tja, im Grunde müssten Sie ja wohl meine Kollegen fragen. Aber lassen
Sie mich überlegen…was bekomme ich so für Feedback? Naja, der Kollege
von nebenan sagt immer, meine Beine könnten kürzere Röcke vertragen.
Ach ja, und dass ich total supernett bin, supertolle Arbeit leiste, eine Superschwung
in die Abteilung bringe und auch sonst unersetzlich bin.” Kunstpause, um
Luft zu holen. Madame kommt zu Wort.
“Ja, das interpretieren Sie richtig: die Stimmung in unserer Abteilung
ist hervorragend.”
“Mein Chef? Der schließt sich der Meinung des Nebenan-Kollegen an.
Für Rückfragen stehen sein Name und Telefonnummer in meinen Unterlagen.”
Das “Darauf legen wir keinen Wert” überhöre ich souverän.
Frau titel- und anstandslos holt weiter aus.
“Was würden Sie als Ihren größten beruflichen Erfolg bezeichnen?”
“Die Tatsache, dass ich Personalberatungsfirmen bis dato keine Existenzberechtigung
gegeben habe.”
Jetzt schmeißt sie mich sicher raus. Ansonsten hat sie verloren.
Denkste.
“Wieso sind Sie dann hier?” Sie blickt über den Rand ihrer randlosen
Brille.
“Weil die Neugierde auf den Job die Aversion gegenüber Ihrer Zunft
überwogen hat.”
Sie zögert, macht eine Bewegung in Richtung Tür und damit zu meinem
Rausschmiss, überlegt es sich, macht einen Rückzieher. Wahrscheinlich
meint die Personalexpertin, dass ich für einen Job in der Diplomatie bestens
geeignet bin. “Also nun darf ich Ihnen von unserem Auftraggeber erzählen.”
Dramatisch steht sie auf, schreitet mit erhabenen – einstudierten – Schritten
zum Fenster, das einen berauschenden Blick auf die Wiener Innenstadt bietet.
Lautlos stecke ich meine Füllfeder ins Etui, das Etui in meine Aktentasche.
Klappe mein abgegriffenes Notizbuch zu.
“Unser Auftraggeber ist die Schweizerische Botschaft (na geh bitte), wobei
es sich nicht um die Schweizerische Botschaft elle-même handelt (meine
frankophonen Haare stehen mir ob der Aussprache zu Berge), sondern um die Vertretung
der Schweizerischen Botschaft bei den internationalen Organisationen in Wien.”
Ich klappe mein Notizbuch noch Mal auf und sehe auf meine Liste: UNO mit Unido,
Unicef. Opec. OSZE. Das war´s dann aber auch schon. Europäisches
Patentamt. Europäisches Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung.
Klingt nach diplomatischer Schwerstarbeit.
“Wir arbeiten schon seit Jahren für unseren Auftraggeber, Sie verstehen,
und genießen sein vollstes Vertrauen. Wir haben immer nur erstklassige
Menschen vermittelt, Menschen, die ins diplomatische Umfeld passen, Menschen
mit passender Ausbildung” doziert sie ins Fenster und genießt ihr
Spiegelbild. Hätte ich so eines, würde ich es loswerden wollen.
Unvermittelt fährt sie herum, kommt mir bedrohlich näher, stützt
sich mit beiden Händen auf den schwarzlackierten Tisch, an dem ich sitze,
lehnt sich zu mir.
“Wir brauchen Menschen mit betriebswirtschaftlichem Background” sagt sie empört,
während sie theatralisch die Rückkehr zu ihrem Posten am Fenster, mit dem Rücken
zu mir, antritt. “Sie sind ja nicht einmal Wirtschaftsakademikerin! Seit Jahren
haben wir keine Publizistin mehr vermittelt! Sie müssen verstehen, hier geht
es um ein hochsensibles Betätigungsfeld im Sekretariat einer Vertretung der
Botschaft, mit allen Agenden, die dazugehören (Sekretariat? Ich glaub, ich höre
nicht recht). Stellen Sie sich vor, da wird ein heikles Dokument anstatt nach
Basel nach Washington oder sonst wohin verschickt oder bei einem wichtigen Gast
das Protokoll nicht eingehalten…also eine Wirtschaftsausbildung ist da das
absolute Minimum, unser Idealkandidat hat die diplomatische Akademie absolviert…”
Ich lasse mir diese Aussage auf der Zunge zergehen, während ich sachte
die Tür hinter mir zuziehe und dem roten Teppich zum Ausgang folge.
Aus der Begründung der Jury zum 3. Platz des Satire-Wettbewerbs der Akademie Graz 2002: ” …’ Katharsis, goldumrandet’ ….eine sozialkritische Geschichte von erheblicher literarischer Prägnanz, die es in sich hat.”
Sie finden das kostenlose Literatur-Angebot im Internet gut? Dann spendieren Sie mir doch einen Kaffee!
