Neutrum

Sie tanzte mit geschlossenen Augen, hingebungsvoll, selbstvergessen. Ob sie im Bett auch so ist? dachte er und ging zur Bar. Er beobachtete sie nun schon eine ganze Weile. Jeder Zeitpunkt war gleich gut wie der nächste. Er durfte nur bloß keinen Fehler machen. Er bestellte zwei Bier, gab mehr Trinkgeld als üblich und schlängelte sich durch die schwitzenden und vibrierenden Körper auf der Tanzfläche zu ihr. Die Luft im Kellerlokal war abgestanden und beißend scharf vor Rauch. Sie sah ihn auf sich zukommen und wirkte zumindest schon mal nicht abweisend. Aber vielleicht war das auch nur sein Wunschdenken. “Ich dachte, du könntest nach so viel Tanzen Durst haben.” Er musste seine sorgfältig gewählten Worte mehrmals wiederholen. Beim dritten Mal legte sie dabei ganz vertraut ihr Ohr an seinen Mund. Er roch den Rest ihres Parfums, das sie am Anfang des langen Abends hinter ihr Ohr getupft haben musste. Nun hatte sie verstanden. “Oh, das ist aber lieb von dir.” Sie prostete ihm zu und trank einen langen Schluck, den man auch als gierig hätte interpretieren können.

“Übrigens, ich heiße Angela. Und bevor du fragst: Ja, ich bin alleine hier. Ich bin Stammgast, der DJ kennt mich schon. Oh, er spielt das Lied, das ich mir bestellt hab. Komm, tanz mit mir.”
Sie hatte bereits seine Hand ergriffen und zog ihn in die Mitte der Tanzfläche. Binnen Sekunden war er für sie nicht mehr vorhanden, binnen Sekunden war sie in den Song versunken, öffnete die Augen nur beim Rhythmuswechsel. Notgedrungen musste er, dessen tänzerisches Verständnis sich auf Headbangen beschränkte, mittanzen. Ich muss eine ziemlich schlechte Figur machen, hätte er denken können. Aber vielmehr machte er sich Gedanken darüber, warum sie nicht nach seinem Namen gefragt hatte. Weil er sie nicht interessierte? Das schien ihm ganz unmöglich. Weil sie ihr Lieblingslied bereits beim ersten Takt erkannt hatte? Das konnte sein. Oder weil sie womöglich seinen Namen schon kannte? Das wäre eine mittlere Katastrophe, sie würde die Verbindung sofort herstellen und sich niemals mit ihm einlassen. Er beschloss zu warten.

Ihr Aussehen, ihr Verhalten, sogar der Geruch ihres fruchtigen Parfums, das alles kam ihm so unendlich bekannt vor. Aus 1000 Erzählungen, aus endlosen alkoholgeschwängerten Nächten, in denen Oliver seinen üblichen Panzer ablegte und um nichts in der Welt zu bremsen war.
Es hätte schon viel früher passieren müssen, dachte er, Oliver hat es geradezu herausgefordert mit seiner hartnäckigen Weigerung, seine neue Eroberung im Freundeskreis vorzustellen. Du versuchst ja doch nur wieder, bei ihr zu landen, hatte er mit einem Anflug echter Bitterkeit gesagt. Erst da wurde es so richtig interessant, dachte er, während sie sich um die eigene Achse drehte, die Arme zur Musik in die Luft streckte, sich dann urplötzlich nach hinten beugte, den Rücken durchdrückte und mit beiden Handflächen den Boden berührte. Sie sah unglaublich sexy aus, wie sich ihr Busen in die Luft reckte. Genau zwei Hände voll, wusste er. Einfach perfekt. Er konnte die Faszination gut nachvollziehen. Dieses Bedürfnis, sie zu hüten wie ein süßes Geheimnis. Nur das hatte Oliver nun von seinem Besitzdenken: Sie dachte offensichtlich nicht daran, es nur einem Mann recht zu machen. Sie drehte sich wie ein Kreisel, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Sie meldete sich, wann sie wollte. Er ließ immer alles stehen und liegen für sie. Und dann entglitt sie ihm wieder.

Abgesehen von ihrer schönen Oberweite hatte sie den Körper einer Balletttänzerin. Oliver war niemand, der knauserig war, wenn es um Details ging. Kein Bauch, keine Schwangerschaftsstreifen, dachte er träumerisch. Das wäre schön, ja, das wäre wirklich schön. Heute Nacht? Ob er ihr gefiel?
Wenn dem so war, schien sie dennoch derzeit keine Notiz von ihm zu nehmen. Auf das eine Lieblingslied folgte das nächste, das sie mit einem Freudenschrei willkommen hieß, den er etwas peinlich fand. Dann machte sie endlich Pause. Das enge rote Trägershirt klebte ihr am Rücken, die Luftfeuchtigkeit im kleinen Raum erinnerte ihn an die Everglades. Ein niedlicher Schweißtropfen verschwand gerade in ihrem Dekolleté. Er widerstand dem dringenden Bedürfnis, sich hinunterzubeugen und ihn aufzulecken. Nur nichts überstürzen, sagte er sich innerlich vor und versuchte, an etwas Abtörnendes zu denken. Es klappte natürlich nicht.
Wie selbstverständlich standen sie nun wieder nebeneinander. Oder lag das nur daran, dass sie ihre Gläser nebeneinander stehen gelassen hatten? War sie der Typ Frau, der sich wegen eines Getränkes verpflichtet fühlt, sich den halben Abend mit jemandem abzugeben? Bestimmt nicht, nach all dem, was er über sie gehört hatte.

“Weißt du, wer Tolstoi ist?” fragte sie unvermittelt.
“Schriftstellerisches Genie, Russland, 19. Jahrhundert. Krieg und Frieden, Anna Karenina”, antwortete er schnell und triumphierend. Vielleicht ein wenig zu schnell und ein wenig zu triumphierend. Erstaunt schien sie ihn zum ersten Mal wirklich wahr zu nehmen. Sie kam ein wenig näher, beinahe konnte er ihre nackten Schulter berühren. Drei kleine Muttermale waren darauf in einem Dreieck angeordnet. Ganz schön niedlich. Ganz schön sexy, sie auch in natura zu sehen. Die Fotos davon hatte ihm Oliver nur kurz gezeigt. Jedes Mal, wenn er sich in Olivers Wohnung unbeobachtet fühlte, holte er sie aus der Schachtel. Es waren auch andere dabei, die nicht nur auf die Muttermale fokussierten. In ganz mutigen Momenten nahm er diese Bilder mit aufs Klo. Ihr Gesicht war auf den Bildern stets von der Kamera abgewandt gewesen. Perfekte Schwarzweißfotos.
“Nächtelang hätte ich dieses Dreieck nachfahren könnte”, hatte er Oliver mal sagen gehört. Vielleicht wäre sie seiner bald überdrüssig geworden, sie schien stupide Wiederholung abzulehnen. Besonders viele ganze Nächte hatten sie seines Wissens ohnehin nicht miteinander verbracht. Immer war sie es gewesen, die in den frühen Morgenstunden ein Taxi gerufen hatte oder ihn höflich, aber unerbittlich ersucht hatte, nicht zum Frühstück zu bleiben. Es war ihm ein Rätsel, warum. Er fragte nicht, weil er die mögliche Antwort nicht hören wollte. Ganz offensichtlich war ihm deutlich mehr an ihr gelegen als ihr an ihm.

“Du hast mir noch gar nicht gesagt, wie du heißt”, sagte sie gerade zu ihm. “Florian”, log er. “Siehst gar nicht aus wie ein Florian.” Sie trank den letzten Schluck Bier. Er zuckte mit den Schultern, hatte spontan keine witzige Antwort parat. Oliver hätte sich zu helfen gewusst in dieser Situation. Er war nie um einen Scherz verlegen.
Glücklicherweise fiel ihm “Pretty Woman” ein. “Ich heiße, wie immer du mich nennen willst.” Sie verdrehte verspielt die Augen, lachte. “Also gut, ich finde, du könntest Oliver heißen. Außerdem ist das ein wirklich schöner Name.” Wollte sie ihn auf die Probe stellen? Ihn verschaukeln? Er konnte es nicht wissen, also streckte er ihr unbeholfen die Hand hin und sagte: “Passt, ich bin der Oliver. Meine Freunde nennen mich Olive.”

Was will ich eigentlich? fragte er sich. Einfach nur guten Sex? Das konnte er genauso mit der dort haben, die ihn vorher so nett angelächelt hatte. Oder mit der kühlen Blonden am Tresen. Nur war Angela mit Abstand die Begehrenswerteste hier. Aber das Attraktivste an ihr, das musste er sich eingestehen, war, dass sie tabu war. Weil sie regelmäßig mit Oliver ins Bett ging und der ganz schön verliebt in sie war, was sie weder zu bemerken noch sie zu kümmern schien. Er litt im Stillen, ließ sich ein ums andere Mal abweisen und kam doch immer wieder. Pavlow. Wenn die Frau wirklich sexuell so begabt ist, dann wird es mir vielleicht bald auch so gehen. Die Nebenwirkungen davon wollte er sich zum derzeitigen Zeitpunkt nicht ausmalen.

“Die Freundinnen, Liebhaberinnen oder sonst was meiner Freunde sind Neutra für mich”, behauptet der richtige Oliver bei jeder Gelegenheit. Er lässt nie einen Zweifel daran, dass er davon ausging, dass es seine Freunde damit genauso hielten. Er, der falsche Oliver, hatte das allerdings nie von sich behauptet. Außerdem erinnerte ihn das Wort “Neutrum” an den Lateinunterricht. Und diese Frau war alles andere als sachlich, sie war durch und durch feminin, keine Frage.

Hinter mir die Sintflut, dachte er. Angela kam gerade von der Bar, stellte ihm einen Tequila vor sein fast leeres Bierglas. Er hasste Tequila. Er sagte nichts. Sie stießen an, tranken beide ihren Tequila in einem Zug. Diskret wischt sie sich den rechten Mundwinkel mit dem Zeigefinger ab. “Oliver”, sagte sie, sein Blick war einen Moment abgeschweift. “Wollen wir gehen?”

Draußen warteten Taxis. Er öffnete ihr die Tür und bevor er etwas sagen konnte, nannte sie eine Adresse ganz in der Nähe. Der Taxifahrer schaute etwas verwundert, startete, fuhr los. Ein Klavierkonzert erfüllte das Auto. Angestrengt dachte er nach. Die Adresse kam ihm bekannt vor, viel zu bekannt.

“Du hast doch bestimmt nichts dagegen, einer von zweien zu sein, Oliver?” flüsterte sie ihm ins Ohr. Sie betonte seinen Namen viel zu stark, als ob sie sich über ihn lustig machen wollte. Er nahm sich vor, noch die paar Minuten in ihrer Gegenwart zu genießen, bevor er aussteigen und gehen musste, ohne sich umzudrehen. Sie würde verstehen, warum. Und sie würde kein Wort sagen, zu keinem von beiden, dessen war er sich sicher. Es gibt noch viel zu lernen, dachte er, während er dem schwachen Schein der Laternen auswich. Es gibt noch viel zu lernen, über mich, über meine Freunde, über dieses verdammte Spiel. Als er um die Ecke bog, hörte er aus dem Haus, vor dem das Taxi gehalten hatte, laute Stimmen. War es ein Lachen? War es ein Stöhnen? Er konnte sich auch geirrt haben.

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