25. Dezember. Patrick steht vor der Tür und bearbeitet einen alten Haufen Schnee mit der Spitze seiner Pelzstiefel.
Heute werde ich meine Familie verlassen, sagt er. Darf ich reinkommen?
Er sitzt am Küchentisch und kehrt mit der Handkante die Brösel vom Frühstück zu einem adretten, ordentlichen Haufen zusammen. Kaffee, lechzt er leise. Ich gehe zur vollautomatischen Espressomaschine, ein Weihnachtsgeschenk.
Warum gerade heute? frage ich.
Weil gestern Weihnachten war, höre ich ihn sagen.
Und in einer Woche Neujahr?
Naja, sagt Patrick.
Neujahrsvorsätze sind Chimären, sage ich und plage mich mit der Espressomaschine, deren Bedienungsanleitung in einem Deutsch mit fremdländisch anmutendem Satzbau sowie Orthographie abgefasst ist.
Er stützt die Ellbogen auf den Tisch, verbirgt sein Gesicht in den Händen.
Ich hab nicht die richtige Familie. Schon gar nicht die richtige Frau. Und ich frag mich, ob ich das richtige Leben habe. Seine Stimme klingt merkwürdig gedämpft.
Mein Gott. Die Midlife Crisis. Schon wieder. Diesmal ernst gemeint?
Irgendwelche Alternativen? frage ich ihn.
Naja, sagt Patrick. Dich?
Du bist nicht ganz dicht.
Aber ja, überleg doch.
Die paar Mal Sex. Vergiss es. Was du brauchst, ist entweder ein Sportauto oder eine 18-jährige Freundin. Oder beides. Wobei Zweiteres vielleicht eine logische Folge von Ersterem wäre.
Ich bin grün, ich lehne Auto fahren ab, presst er zwischen Zähnen hervor.
Hatte ich vergessen, sage ich leichthin.
Patrick zeigt mir den Vogel. Einfach vergessen: unsere rot-grüne Koalition?
Wie man sieht, kann’s nicht funktionieren, sage ich mit einem Blick auf die neue Ausgabe des Spiegel.
Daran sind aber sicher nicht die Grünen Schuld.
Siehst ja, dass bei Love and peace nichts rauskommt.
Und ihr Sozis wollt gleich mit Kanonen auf Spatzen schießen!
Bist du total blöd? Seit wann ist Saddam Hussein ein Spatz ? Der ist ein beispielloser Despot, ein grauenhafter Verbrecher, bitte! Der Überwachungs- und Repressionsapparat Stalins war ein Dreck dagegen. Liest du keine Zeitung?
Als ob ich sonst keine Probleme hätte, seufzt er.
Du hast angefangen, nicht ich, sage ich beleidigt.
Nein du, sagt er.
Die Frau, die dich aushält, muss ein Engel sein.
Diese Frau gibt’s eh nicht.
Ach so? Sie will nicht mehr? Ich dachte, du willst gehen, gebe ich mich erstaunt.
Ich möchte ihr nur zuvorkommen. Tut weniger weh als Verlassenwerden. Aber welchen Unterschied macht das schon.
Er verzieht leicht das Gesicht, als er am Kaffee aus der nagelneuen Espressotasse nippt. Vielleicht hab ich die Bedienungsanleitung in der Hitze des Gefechts nicht kapiert. Ich schütte den Kaffee weg, gebe ihm eine Dose Eiskaffee und konzentriere mich wieder auf die Maschine. Wäre ja gelacht.
Insgeheim denke ich darüber nach, was mehr wehtut: verlassen oder verlassen werden. Natürlich verlassen werden. Aber nur, wenn es aus heiterem Himmel passiert. Ist bei euch aber schließlich nicht der Fall, sage ich zu mir selbst.
Was ist nicht der Fall? will er wissen.
Dass das Ganze überraschend kommt.
Nein, wir hassen uns schon seit geschlagenen sieben Jahren. Tu bitte nicht so, als ob du das nicht wüsstest.
Meine Hände umklammern die Bedienungsanleitung, fühlen sich heiß an. Warum bloß, frage ich mich. Seine umklammern die Eiskaffee-Dose und sind kalt. Ich spüre sie, als sie sich langsam, aber bestimmt, in meine Haare wühlen. Was erwartet er sich davon? frage ich mich und tue so, als ob ich die Reinigungstipps studieren würde.
Darf ich dich küssen? fragt er ganz nahe an meinem Ohr. Er muss fast lautlos mit dem wackligen Sessel näher gerutscht sein. Eine Meisterleistung.
Nein danke, ich halte jegliche nähere Beschäftigung mit dir für destruktiv.
Blöde Kuh, sagt er.
Ich mag dich auch sehr, sage ich.
Wenn das bloß die Julia auch von sich behaupten könnte sagt er, geht ins Wohnzimmer und lässt sich auf die linke Seite des Sofas fallen.
Tut sie ja, sie kann es nur nicht zeigen. Und wenn sie’s zeigen würde, könntest du es sowieso nicht zulassen.
Mit zusammengekniffenen Augen sieht er mich an.
Kann ich was dafür, dass ihr eine krankhafte Beziehung habt?
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