“Heute wäre ein guter Tag”, sagst du am Telefon.
“Heute? Es ist doch bereits 22 Uhr.”
“Ja trotzdem, ich würde dich gerne sehen. Heute fühlt es sich richtig an.”
“Es sind 325 Kilometer bis zu dir, das geht sich heute nicht mehr aus.”
“Die frühen Morgenstunden gelten auch noch als heute. Ich warte auf dich.”
Ich warte auf dich. Er weiß, dass ich mich in der bitterkalten Nacht ins Auto setzen und losfahren werde. Mein erster Impuls ist, ihm ein einziges Mal das Gegenteil zu beweisen. Nicht immer so berechenbar zu sein. Ein wenig mysteriös, ein wenig unnahbar. Ich bin ein offenes Buch. Ein verdammtes offenes Buch.
Ich setze mich in meine geliebte Rasende Ribisel. 20 Minuten, um mich zu duschen und einzuparfümieren, hübsche Unterwäsche, enge Jeans und einen dicken Pullover anzuziehen, mich dezent zu schminken, ein paar CDs einzupacken und eine Wasserflasche. Ein paar Dosen Red Bull. Die Frau, die mir beim kurzen Check des Erscheinungsbildes im Rückspiegel entgegenstarrt, sagt: Warum tust du dir das an? Gerade läuft ein guter Film auf ATV. Was kann er dir bieten, was dir der Film nicht bieten kann? Ich ignoriere die Frau, manövriere mich aus der Parklücke heraus.
Cindy Lauper singt ihre Interpretation von “I drove all night”, ich finde das total passend. Wieder und wieder drücke ich beim CD-Player auf die “Zurück”-Taste, dröhne mich voll mit dem Lied, singe lauthals mit, treffe keinen Ton. Fühle mich gut, fühle mich erwachsen, fühle mich frei und habe dabei keine Ahnung, wie unfrei ich in Wirklichkeit bin.
Bei Kilometer 112 werde ich müde, fahre von der Autobahn ab. Meine Augen brennen. Trinke Espresso in einer Raststätte, in der mich übermüdete Trucker neugierig betrachten. Ich gehe aufs Klo, spritze mir Wasser ins Gesicht und vergesse dabei, dass ich geschminkt bin. Dezent. Geschminkt war. Nun sehe ich aus wie ein Clown, die Wimperntusche klebt auf meinen Wangenknochen, das Rouge tummelt sich am Kinn. Wütend wische ich mir mit einem Papiertaschentuch quer übers Gesicht, mache alles nur noch schlimmer. Eine Frau steht neben mir. Sie hat eine längst aus der Mode gekommene Frisur und wirkt trotz der fortgeschrittenen Stunde sehr fröhlich, lächelt mich im Spiegel an. Sie erinnert mich an meine Mutter. “Morgen soll es schneien”, sagt sie. Ich kann noch nicken, bevor mir plötzlich sehr, sehr schwer ums Herz wird, ich lehne mich an den Waschbeckenrand.
Während ich im Baustellen-Abschnitt meine Rasende Ribisel zwischen Betonwand und Leitschiene durchschlängele, überlege ich, wann du mich zum letzten Mal angerufen hast. Wann ich dich zum letzten Mal aufgefordert habe, zu mir zu kommen. Und du dieser Aufforderung auch nachgekommen bist. Ob ich jemals eine Nachricht von dir auf meiner Mailbox hatte. Oder in meinem E-Mail-Eingang. Ich kann mich nicht erinnern. Meine Glaubwürdigkeit habe ich wohl schon in Woche 1 verspielt, sinniere ich vor mich hin. Als ich sagte, ich rufe dich sicher nicht an, ich rufe keinen Mann an. Da hat es angefangen. Sein selbstgefälliges Lächeln am nächsten Tag konnte man durch den Hörer spüren. Ich habe es nicht ausgehalten, seine Stimme nicht zu hören. Er schon. Und ich hab damals keine Sekunde darüber nachgedacht, dass mir das wohl alles sehr viel wichtiger ist als ihm.
Diese Gedanken schlagen sich, wie immer, auf den Magen. Klassischer Hypochonder der ich bin, laufe ich in regelmäßigen Abständen zum Internisten, damit er mir ein Magengeschwür attestiert und mir sagt: “Zur vollständigen Genesung müssen Sie die Quelle des Übels ausschalten. Sie wissen, was zu tun ist, nicht?”
Aber nein, der Internist sieht mich jedes Mal mitleidig an, überlegt möglicherweise, ob er mich an einen Kollegen der psychologisch-psychiatrischen Zunft weiterverweisen soll. Er entscheidet sich dagegen. Er ist genauso feig wie ich.
Diesmal ist es nicht das klassische Magengeschwür. Es ist die Wut, die ich spüre wie ein Tier mit 1.000 Beinen. Es ist eine Wut auf mich, auf ihn, wieder auf mich, weil ich nicht stark genug bin, die Konsequenz aus dieser Wut zu ziehen; Wut auf Gott und die Welt, Wut auf den verdammten Tag, an dem ich ihn kennen gelernt habe; Wut auf diese Verklärung, aus der ich mich trotz allem nicht herausretten kann, obwohl er es mir leicht macht, so leicht. Diese Wut ist ein Tier, und es muss ein ganz schön hässliches sein. Das Tier will heraus, will sich aufbäumen, will sein liederliches Maul aufsperren, jemandem seinen grässlichen Atem ins Gesicht speien. Will wachsen, will sich auf die Wanderschaft begeben, will was erleben. Ich huste, würge, schlucke, trinke einen Schluck Wasser. Zwei Schluck Wasser, die halbe Flasche. Es hilft nichts. Der Brechreiz lässt mich das Lenkrad bei Tempo 130 fest umklammern, mir wird schwarz vor Augen.
Und dann sitzt es neben mir. Auf dem Beifahrersitz. “Puh, war das eine schwere Geburt”, wischt sich das Ungeheuer den Schweiß von der Stirn. Ich starre das Ungeheuer entgeistert an. Mein Bauch, mein Herz, mein Kopf fühlen sich leer an. “Pass auf!”, schreit das Ungeheuer und reißt das Lenkrad nach rechts. “Hast du den Führerschein in der Lotterie gewonnen?”
“Das war knapp. Tut mir leid”, murmele ich. “Schon gut, ich bin es gewohnt, mies behandelt zu werden.” Das Ungeheuer lächelt ein säuerliches schiefes Lächeln. Ich bemühe mich, meine Konzentration auf die Straße zu lenken. Immerhin herrschen widrigste Bedingungen, sowohl auf der Straße als auch in meinem Kopf. Es regnet, es ist dunkel, ich bin weit gefahren, meine Augen brennen. Meine Neugierde auch. Denn meine Wut sitzt neben mir. Ich stelle mir in abgewandelter Form diese albernen Baby-Sticker vor: Wut fährt mit.
“Darf ich dich anfassen?”, frage ich unvermittelt.
“Wenn’s sein muss”, erwidert das Ungeheuer gelangweilt, während es sich durch meine CDs wühlt und dabei verächtliche Grimassen zieht. Zuerst gierig, dann, nach der ersten Berührung zögerlich, taste ich das Ungeheuer ab, so gut es beim Autofahren eben geht. Es hat die Größe eines Volksschulkindes. Für einen Menschen klein, für eine Wut groß. Ziemlich groß. Es fühlt sich glatt an. Warm. Irgendwie angenehm. Es hat weiche Haut, gut gepflegt, mit viel Feuchtigkeitscreme versorgt. Wie meine Haut, fällt mir ein. Mir schaudert. Es hat zwei Beine und zwei Arme. Das Monster hat eine gewisse Ähnlichkeit mit mir, muss ich mir trotz anfänglichem geistigen Widerstand eingestehen. Und doch ist es ein Ungeheuer. Es hat ein hässliches Gesicht. Es ist viel zu stark geschminkt. Mir fällt ein, dass ich mich sehr oft sehr stark schminken wollte, gerade weil er auf den extremen Natur-Look steht: Am besten gar keine Schminke, keine gezupfte Augenbraue, alle Haare, wo Gott sie haben wollte. Natürlich habe ich dann doch immer den Mittelweg gewählt. Der Mund des Monsters ist verzogen, mit Falten versetzt, wirkt so, als ob er bereits viele negative Gefühle schlucken musste. Schlupflider mit Augen, die zuviel gesehen haben. Tiefe Sorgenfalten auf der Stirn. Dabei ist das Monster ungefähr so alt wie ich, schätze ich.
Ich weiß nicht so recht, wie ich mich verhalten soll. Neben mir sitzt ein Ungeheuer, als sei es das Natürlichste der Welt. Mittlerweile hat es den Sicherheitsgurt angelegt. Ich räuspere mich. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass das Ungeheuer daraufhin seine Aufmerksamkeit von den CDs ab- und mir zuwendet.
“Ja, Schätzchen?”
Schätzchen. So hat mich schon lange keiner mehr genannt.
“Äh, wie heißt du?”
Es führt seinen linken Zeigefinger an die Schläfe. Mir fällt auf, dass die Fingernägel lackiert sind. Rot. Ich starre auf meine eigenen Nägel, als ob ich nicht wüsste, in welcher Farbe sie lackiert sind.
“Was meinst du, wie heiße ich? Ich bin Teil von dir also heiße ich wie du.”
Im Stillen weigere ich mich, das Ungeheuer mit mir gleichzusetzen und taufe es insgeheim “Rabia”, dem spanischen Wort für Wut.
“Aha”, sage ich.
“Nun ja”, fährt Rabia fort, “das ist immer so, das kenne ich schon. Keiner will mich. Und dabei bin ich nur der Geist, den ihr selber ruft. Komische Menschen. Ein echt undankbarer Job.”
Ich beschließe nach kurzer Überlegung, mir den Edith Klinger-Kommentar zu sparen. Gleichzeitig spüre ich dieses Gefühl, mich zum Führen der Konversation verpflichtet zu fühlen. Ich hasse Small Talk und sehe eigentlich gar nicht ein, warum ich dieses ungebetene Monster chauffiere und es noch dazu unterhalten muss. Der Gedanke, dass es vielleicht gar nichts von mir erwartet, kommt mir nicht. Der Gedanke, dass jemand nichts von mir erwarten könnte, ist mir noch nie gekommen.
Ich versuche, meine Gedanken neu zu ordnen, während mich mein Hintermann mit der Lichthupe traktiert. Mir war nicht aufgefallen, dass ich auf der Überholspur mit denkbar geringem Tempo dahinbummele. Im Gleichschritt mit meinen Gedanken.
“Red Bull gefällig?” Ich halte das Lenkrad mit der Linken und greife mit der Rechten auf meinen Proviant, den ich auf dem Rücksitz gelagert habe.
“Gerne. Ist das das Zeug mit den Flügeln?”
Ich nicke.
“Kann ich immer gebrauchen. Danke dir.”
“Gern geschehen.”
Das Ungeheuer kippt seine Dose in einem Zug hinunter: “Bäh, Zuckerschock.” Dann grinst es zufrieden. Rülpst. “Pardon.” Ich freue mich tatsächlich, dem Ungeheuer etwas Gutes getan zu haben.
Auch auf der rechten Spur der nächtlichen Autobahn kommt keine Ordnung in meine Gedanken. Geistige Listen helfen immer. Also gehe ich es an. Ich bin auf dem Weg zu ihm. Es ist spät. Er sagt, es fühlt sich richtig an. Ich überlege nicht, ob es sich für mich richtig anfühlt, ich fahre einfach los, fahre, bis ich dort bin. Ich bin vollkommen willenlos. Dann fühlen wir uns eine Zeit lang gemeinsam richtig. Sobald es sich für ihn nicht mehr richtig anfühlt, ermuntert er mich höflich, wieder zu fahren. Ich schwöre, nie wieder zu kommen. Ich halte mich nie dran. Ich glaube mir nicht einmal mehr selbst.
Und jetzt sitzt Rabia neben mir.
“Kein Wunder, dass du so wütend bist”, bemerkt Rabia.
“Du…kannst…Gedanken lesen?”
Rabia verdreht die Augen: “Du hast das noch immer nicht verstanden, Schätzchen, nichts für ungut. Noch mal langsam zum Mitschreiben: Ich kann nicht Gedanken lesen, ich BIN deine Gedanken. Alles klar?”
Ich strenge mich an. Zuerst war sie in mir drin, jetzt sitzt sie neben mir. Scharf nachdenken, sage ich mir. Logische Konsequenz? Sie loswerden.
“Moment!”, wirft Rabia ein. “Bevor du mich jetzt beinhart bei dieser Geschwindigkeit – sie äugt auf den Tacho – aus dem Auto wirfst, überleg dir doch, wie wichtig ich dir bin. Wenn es dir ohne mich besser geht, OK. Das ist Teil des Jobs. Ich bin sehr kundenorientiert. Obwohl ich natürlich einen anderen Abgang präferieren würde.”
Meine ganz private Monster AG? Ich fass das nicht. Red Bull beflügelt nicht, verursacht nur Herzrasen. Immerhin, dieses Organ funktioniert noch. Ansonsten kann ich nicht mehr, fühle mich wie ausgesaugt.
Ich halte beim nächstbesten Autobahnparkplatz, es ist wie im Gruselfilm, niemals stehen bleiben. Seelenruhig parke ich an der dunkelsten Stelle, steige aus und lasse mir den kalten Regen ins Gesicht platschen und den eisigen Wind um die Ohren wehen. Ich fühle mich besser, ziehe meinen klatschnassen Pullover aus und wickle mich in die Kuscheldecke, die auf dem Rücksitz liegt. Sie riecht noch ein wenig nach ihm, oder zumindest bilde ich mir das ein.
“Das ist doch Wahnsinn, diese ewige Nostalgie”, sagt Rabia, als ich wieder einsteige. “Das war mal, es war sehr schön, es hat uns sehr gefreut, aber es ist eben nicht mehr. Na und? Things usually change for the better. Oder, wie deine Mutter in ihrer entwaffnend-naiven Art sagt: Wer weiß, wozu es gut war.”
“Wow. Jetzt hast du mehr gesagt als in der ganzen letzten Stunde zusammen.” Mein Frust über meinen Entertainer-Part kommt hoch.
“Ich weiß, ich sollte mich zurückhalten, aber das musste jetzt einfach sein”, gibt sich Rabia glaubwürdig zerknirscht. “Also, wohin geht die Reise?”, fragt sie, als ich die Rasende Ribisel wieder starte.
“Keine Ahnung.” Ich fühle mich wie im Niemandsland. Nicht bei mir, nicht bei ihm, wie in einem paranormalen Bewusstseinszustand. Vielleicht bin auf dem Weg zu mir selbst und habe es noch gar nicht bemerkt.
“Denkste, es ist noch ein langer Weg.” Seufz. Zum Glück schläft die Besserwisserin ein.
Ich habe noch 120 Kilometer vor mir. 120 Kilometer lang überlege ich, was mir Rabia bedeutet, wie wichtig sie mir ist. Wie sich mein Bauch, meine Seele, mein Herz, mein Leben ohne diese treibende Kraft anfühlen. Sie fühlen sich antriebslos an. Wenn Rabia weg ist, erübrigt sich jeder Grund, zu ihm zu fahren. Erübrigt sich jeder Grund, angetrieben durch diese ewige Wut immer wieder zurückzukehren, mich selbst zu belügen, mir zu sagen, dass ich mich letztendlich nur rächen will, dass ich ihn mit der gleichen Verachtung strafen werde, dass ich nach erledigter Tat für immer umdrehen werde. Nach 74,3 Kilometern kapiere ich, dass Rabia nicht einfach so gehen wird. Dass sie wiederkommen wird, sobald sie weiß, dass ich uns beide übers Ohr gehauen habe. Dass sie mich quälen wird, bis ich stark genug bin. Wenn ich es schaffe, sie gehen zu lassen, meine Antriebskraft gehen zu lassen, bin ich frei. Ein hervorragender Deal, denkt die Kapitalistin in mir. Aus alter Gewohnheit fahre ich weiter. Mit dem Unterschied, dass ich diesmal weiß, was zu tun ist. Dass es diesmal mein Wille ist. Oder geworden ist.
Ich habe genug Zeit zum Überlegen. Bruce Springsteen singt “Hungry heart” und spricht mir aus der Seele. Ich krame in der Symbolik-Kiste. Mir fällt seine Vorliebe für Fußball ein. Der Rest ist leicht, sehr leicht.
Fast bin ich bei ihm. Halte Ausschau nach einer Nachttrafik. Kaufe bei der schläfrigen Verkäuferin ein rotes Stück Papier und ein rotes Kuvert, das sie unter einem Berg verstaubter Glückwunschkarten hervorzieht. Ich zerreiße das Papier in vier Teile, lasse drei davon bei der verwirrten Trafikantin zurück, stecke das letzte Stück ins rote Kuvert. Es passt genau. Ist sozusagen genau richtig. Ich schlecke das Kuvert ab, es schmeckt scheußlich, aber das muss wohl so sein. Vielsagende Blicke von der wiedererwachten Rabia, als ich ins Auto steige.
“Du weißt, was jetzt kommt?” Rabia nickt und grinst ihr schiefes Grinsen.
“Diesmal schaffst du es.” Sie hält den rechten Daumen mit dem rot lackierten Fingernagel hoch.
Bevor ich die rote Karte in seinen Briefkasten werfe, schreibe ich noch hinten meine Initialen drauf. Überlege kurz, ob er es für eine Liebeserklärung halten könnte. Nein, so naiv ist er nicht. Eine Sekunde zögere ich noch, als das Kuvert schon zur Hälfte im Briefschlitz steckt. Der Hund beginnt zu bellen, meine Finger lösen sich.
Als ich wieder einsteige, ist der Beifahrersitz leer. Die ebenfalls leeren Red Bull-Dosen liegen zerquetscht auf der Fußmatte. Die Kuscheldecke hat sich in Luft aufgelöst. Ich sehe nicht in den Rückspiegel, bevor ich das Auto wende und losfahre. Denke kurz an meine Mutter und daran, dass ich sie wieder mal anrufen sollte. Es fühlt sich richtig an.
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