Was wollen Sie von mir? Ich sitze doch nur einfach hier und warte. Lassen Sie mich in Frieden! Außerdem kann ich kein Deutsch. Unglaublich, der kann tatsächlich Französisch.
Diese ewigen Quasselköpfe, die Deutschen. Dauernd wollen sie übers Wetter reden. Was gibt es da zu reden? Ist sowieso immer unter jeder Kritik hier in Frankfurt. Verdammte Miese-Laune-Stadt.
Ob ich griesgrämig bin? Nein, ganz im Gegenteil, ich bin ausgezeichneter Laune. Nervös? Sie finden, ich sehe nervös aus? Kann schon sein.
Ziemlich gute Menschenkenntnis, dieser Typ, obwohl der aussieht wie ein Penner. Wie kann man in so einem noblen Restaurant schwarze Schuhe mit weißen Socken tragen? Prolet. Die erkenne ich überall auf der Welt, die Deutschen. Echt peinlich.
Ein Date? Wenn sie’s unbedingt wissen wollen: ja. Nein, kein Blind Date. Oder irgendwie schon, wie man’s nimmt. Ich bin ein wenig früh dran, ich weiß. Habe allerdings kein Problem damit, vorerst hier an der Bar diesen hervorragenden Whisky zu testen. Mögen Sie Whisky? Aha, Sie bevorzugen Bier. Verstehe.
Hübsch? Nun, das letzte Mal, als ich sie gesehen habe, war sie sehr hübsch. Aber kennen Sie 19-Jährige, die nicht hübsch sind? Ja? Also ich nicht. Oder sagen wir so: Die nehme ich gar nicht wahr. Nein, ich treffe mich nicht mit einer 19-Jährigen. Bin doch bitte nicht pädophil.
Warum erzähle ich dem das eigentlich? Egal, lieber mit einem doofen Deutschen sprechen als dem Sekundenzeiger bei seiner Schneckenbewegung und dem Eis beim Schmelzen zuzusehen. Herr Ober, einen Whisky für den Herrn bitte! Oder lieber doch ein Bier?
Prost, wie man hier bei Ihnen sagt, nicht wahr? Bitte ersparen Sie mir den Kommentar über meine Aussprache. Meine Ex-Freundin hat auch immer drüber gelästert. Irgendwann hört man auf, sich zu bemühen, nicht? Man kann sich von einer Frau ja nicht alles sagen lassen. Ich bin bestimmt kein Macho, aber es hat alles seine Grenzen.
Sie sehen das auch so wie ich, nicht?
Besonderer Anlass? Ich werde heute 30. Ich habe kein Problem damit – sie brauchen nicht so mitleidig drein zu sehen. Mit wem ich feiern möchte? Na ja, mit ihr. Bin extra aus Paris hergeflogen. Air France? Nein, ich bevorzuge Privatmaschinen. Bevor sie mich fragen: Die Stewardess ist überhaupt nicht hübsch. Aber sie macht tolle Cocktails. Nur habe ich keine Lust mehr, alleine zu fliegen. Nette Begleitung wäre schon was Schönes.
Ein paar kleine Abstecher, so zwischen unseren Terminen. Und dann vielleicht mit einem Baby im Arm. Ja, ich weiß, solche Frauen wachsen nicht auf den Bäumen. Ob die heute…? Ja, ich glaube schon, dass sie die Richtige ist. Ob sie es auch weiß? Tief drinnen wahrscheinlich schon. Nur gehört sie zu den Frauen, die dauernd meinen, sie müssen aus jeder menschlichen Beziehung ein psychologisches Machtspiel machen. Echt mühsam. Aber sonst ist sie echt toll. Sie werden sehen, ich werde sie Ihnen vorstellen. Aber nur kurz, Sie verstehen, wir haben uns lange nicht gesehen. Wir haben einiges vor.
Ja, Sie haben Recht, die sehen etwas traurig aus. Herr Ober, bitte eine Vase mit Wasser. Die Rosen sollen ja schließlich nicht die Köpfe hängen lassen, nicht wahr? Gute Idee, vielen Dank. Übrigens, was meinen Sie, würde Ihrer Frau diese Uhr gefallen? Sie haben keine Frau? Egal, dann eben irgendeiner Frau. Hab ich mir vom Juwelier meines Vertrauens empfehlen lassen. Der meint, die gefällt jeder Frau. Aber wer traut schon seinem Juwelier? Eben. Wenn sie ihr nicht gefällt, bekommt sie eben eine andere. Symbolik? Welche Symbolik? Ach so, Beständigkeit der Erinnerung, Dalí und so. Sie sind genial, Mensch! Sie ist so eine Möchtegern-Intellektuelle, damit kann ich sie garantiert beeindrucken! Verstehen Sie mich nicht falsch, ich muss nicht beeindrucken um jeden Preis, bin ja nicht mehr 15. Aber es darf immer ein wenig mehr sein.
Auf wen warten Sie eigentlich? Geschäftlicher Termin, aha. Der Kunde weiß also Diskretion zu schätzen. Konspiratives Treffen, alles klar. Sie wissen nicht, wann genau er kommt. Nun ja, wenigstens ein angenehmer Ort zum Warten. Aber wenn ich ehrlich bin, hat sie dieses Restaurant vorgeschlagen. Nicht dass Sie glauben, ich habe kein Mitspracherecht, aber für diese Frau würde ich sehr viel mehr tun, als sofort Ihren Lokalvorschlag zu akzeptieren, ohne mich zu erkundigen, ob der Chefkoch auch was drauf hat. Von mir aus mach ich auch ein Picknick mit ihr.
Was an ihr so besonders ist? Tja, das ist ein weites Feld, wie Fontane sagen würde. Nein, ich lese nur Sachbücher, das Zitat hab ich von ihr. Von Beruf? Unternehmer. Hotels, Immobilien und so. Pardon? Ach das meinen Sie. Laufen ganz zufriedenstellend, die Geschäfte. Aber Sie wissen ja, es ist sehr schwierig, die richtigen Leute zu finden. Aber Geld ist ja nicht alles. Was machen Sie? Ölbranche, sehr interessant. Hier haben Sie meine Karte, man weiß ja nie. Ja, Paris erster Bezirk, nur die engsten Mitarbeiter. Bernard Vaudrillard, nennen Sie mich Bernie. Horst Wenter? Sehr erfreut. Tut mir leid, wenn ich das “H” nicht so rausbringe. Ist echt schwierig für uns Franzosen.
Oh Mann, hab ich Lust auf eine Zigarette. Obwohl sie das überhaupt nicht leiden kann. Sie hat immer gesagt, mich zu küssen ist wie einen Aschenbecher zu küssen. Nicht besonders schmeichelhaft. Rauchen Sie eine mit mir? Herr Ober!
Tut das gut! Ist auch hervorragend für die Nerven. Haben Sie zufällig Mundspray da? Nein? Schade! Kaugummi? Oh ja, bitte, danke. Mist, die Zeit ist noch immer nicht vergangen. Um 9 kommt sie und es ist gerade mal 8. Aber was sollte ich machen, im Zimmer blieben und PayPerView glotzen? Echt sinnlos. Und mit deutschen Edeldamen hatte ich bisher eher schlechte Erfahrungen. Aber was erzähle ich Ihnen da. Oh, Sie nicken verständnisvoll. Ich sehe, wir sind ganz auf einer Linie. Und Ihr Kontaktmann lässt auch auf sich warten, nicht wahr, Orst? Dann schlagen wir eben gemeinsam die Zeit tot. Hier, möchten Sie ein paar Erdnüsse?
Wo waren wir stehen geblieben? Ah ja, was an ihr so besonders ist. Sie ist einfach…toll! Naiv, blauäugig, ich? Also ich bitte Sie, wie kommen Sie darauf? Ach so, finden Sie? Aber immerhin hat sie zugesagt. Nun gut, ich hab sie angerufen, nach all den Jahren. Warum, weiß ich auch nicht. Oder doch, aber ich kann das nicht so artikulieren. Mit den großen Emotionen hab ich’s nicht so. Bin schließlich Bauingenieur, was soll ich machen. Homo faber? Muss man den kennen? OK, lassen wir das.
Also, da muss ich scharf nachdenken, wie lange ich sie nicht gesehen habe. 10 Jahre, beinahe auf den Tag genau. Irgendwie ziemlich schnell vergangen, diese Zeit. Und dann wieder unendlich langsam. 10 Jahre wollte ich sie wiedersehen und 7 Jahre habe ich mich nicht getraut. Dann hab ich’s versucht und sie hat mich abblitzen lassen. Eiskalt. Wollte meine Erklärung überhaupt nicht hören. Welche Erklärung? Oje, jetzt wird’s ungemütlich. Fühl mich wie beim Psychologen. Oder Psychotherapeuten, meinetwegen. Ich kann’s Ihnen ja gleich sagen, obwohl Sie das bestimmt schon erraten haben. Wir waren mal zusammen, vor über 10 Jahren. Aber mein Gott, wir waren Kinder! OK, ich war ein Kind, obwohl ich 20 und auf der Uni war. Sie war eine sehr niedliche kleine Zicke, sie war ein Statussymbol. Es war einfach schwierig damals. Sie war schwierig, ich war schwierig. Es gab Hochs und Tiefs. Und eines Tages, als gerade ein Hoch herrschte, merkte ich, dass ich keine Lust mehr hatte auf das Tief, das darauf folgen musste. Also habe ich sie einfach nicht mehr angerufen, damals gab’s ja noch kein E-Mail oder Handys oder so, man konnte sich bequem in Luft auflösen. Da war alles noch viel leichter als heute. Heute bist du im verdammten Chat, im E-Mail, am Handy permanent erreichbar. Aber selbstverständlich tut es mir leid. Aber selbstverständlich war das himmelschreiend feig. Andererseits hätte sie sich dann auch wieder nicht so grämen müssen. Die Wartschlange hinter mir war ja schließlich lange genug. Aha, Sie finden das zynisch. So hatte ich das noch nie betrachtet, vielleicht sollte ich das nachholen.
Sie erwartet hier und heute eine Erklärung von mir. Das ist mein Problem. Ich hab keine Erklärung, nur einen Strauß Rosen und diese Cartier-Uhr, die sie sich immer gewünscht hat. Nein, verdammt, Sie deutsche Dumpfbacke, die Frau ist nicht käuflich! Ach wo denken Sie hin, die hat keinen Preis! Soll doch nur eine Geste sein. Von mir aus kann Sie die blöde Uhr in den Kanal kippen. Wenn Sie mir auch nur einen Kuss auf die Wange gibt, ist das für mich das tollste Geschenk, das man mir zu meinem 30. Geburtstag machen kann. Aber natürlich weiß sie, dass ich heute Geburtstag habe. Die Frau hat ein Elefantengedächtnis, das ist ja das Problem. Würde viel dafür geben, wenn sie einiges nicht mehr wüsste. Wenn sie etwas vergisst, sieht sie einfach in ihrem verdammten Tagebuch nach. Frauen! Aber was täten wir ohne sie? Genau, Prost darauf! Haben Sie eine Freundin? Gleich zwei? Finden Sie das ethisch korrekt? Ich nicht. Welche Ethik? Nun ja, Ethik eben. Wie bitte? Ethik ist nicht universell? Also hören Sie mal! Aber lassen wir das.
Sicher hab ich mich scheiße verhalten damals, aber was soll ich machen? Wenn’s sein muss, stelle ich mich auf den Kopf. Ob das was hilft – keine Ahnung. Schauen Sie, ich habe seit Jahren nicht mehr mit ihr geredet. Finden Sie, dass ich sie idealisiere? So habe ich das eigentlich noch nie betrachtet. Möglich ist es natürlich. Erste Liebe und so, das geht einfach unter die Haut. Auch mir als eher unemotionalem Menschen, wirklich.
Ich bin ein ganz anderer Mensch als damals, das muss sie mir einfach glauben. Ich gebe zu, ich war arrogant damals, eingebildet, gewöhnt, alles zu bekommen, was ich haben wollte. Papisöhnchen hat sie mich immer genannt, das war echt hart. Aber ich hatte nie das Selbstbewusstsein, die Dinge, dich mich an ihr störten, zum Thema zu machen. Warum? Aus Angst, dass sie mich verlassen würde. Sie grinsen. Ich tue das rückblickend auch. Denn welche Art von Beziehung wäre das, wenn man dem anderen nicht sagen könnte, was einen an ihm stört? Viel war es ja nicht, aber hin und wieder hätte ich nicht dieser ewige Ja-Sager sein sollen. Den sie übrigens auch immer an mir kritisiert hat. Sie hat mich viel kritisiert, meinen Sie? Nun, sie hatte auch allen Grund dazu. Und im Gegensatz zu mir wurde sie nie von diesen schlimmen Verlustängsten geplagt, die mich nächtelang nicht schlafen ließen. Natürlich habe ich ihr nie was davon erzählt, wollte ja schließlich nicht als Softie dastehen. Meine, wie ich damals meinte, geniale Methode, dem Ganzen beizukommen, war, mich rasender Eifersucht hinzugeben. Nur so glaubte ich, sie bei mir behalten zu können. Dass ich damit genau das Gegenteil erreicht habe, wollte ich mir jahrelang nicht eingestehen.
Sehen Sie mal, ihre Mails der vergangenen Tage klingen ganz vielversprechend, finde ich. Ich habe sie hier in meiner Sakkotasche, ich habe sie abgespeichert und ich habe sie ausgedruckt. Was meinen Sie? Ob sie immer so knapp schreibt? Das weiß ich eigentlich nicht, damals gab’s ja noch kein Internet. Briefe? Oh ja, die schon. Und Faxe. Nun ja, die waren immer sehr langatmig, ich habe sie selten zu Ende gelesen. Warum sie sich nun so knapp ausdrückt? Keine Ahnung, vielleicht hat sie sich auch geändert?
Hallo Bernie, wir können uns gerne im “Olives” treffen, am Samstag um 9. Bitte sei pünktlich. Laura.
Stimmt schon, sie schreibt nicht “Lieber Bernie”, sondern “Hallo Bernie”. Hat das was zu bedeuten? Sie finden, es hat was zu bedeuten, dass sie auf die Grußformel am Schluss verzichtet hat? Vielleicht haben Sie Recht. Sie hätte ja zumindest schreiben können, dass sie sich freut. Oder “Liebe Grüße” oder so was. Ich? Keine Ahnung, was ich geschrieben hab. Ich messe solchen Dingen nicht so viel Bedeutung bei. Normalerweise.
Laura, Laura, Laura. Ein schöner Name, finden Sie nicht? Man kann ihn schreiben, ohne den Stift dabei abzusetzen, ich hab das sehr oft ausprobiert, stundenlang. Wenn die Sprachlosigkeit einsetzte, habe ich meine Hefte mit ihrem Namen gefüllt. Am Ende war es kein Name mehr, eher ein Konzept, eine Verheißung, ein Lebensentwurf. Laura. Auf Französisch müsste es natürlich nicht Laura, sondern Laure sein. Aber sie hat immer auf Laura bestanden, mit der Betonung vorne. Aber das krieg ich leider beim besten Willen nicht hin. Unsere Kinder hätten übrigens russische Namen bekommen sollen. Melina und Irina oder Marina oder so einen Quatsch. Es nervt mich irrsinnig, dass die Leute ihren Kindern so bescheuerte Namen geben müssen, um sich selbst als außergewöhnlich zu positionieren. Bernie und Laura junior hätten die Kids geheißen, wenn’s nach mir gegangen wäre. Aber es ging ja nicht nach mir. Auch in dieser Hinsicht hatte sie die Hosen an und ich hatte nicht die Kraft, mich dagegen zu wehren. Sehr viel später bin ich draufgekommen, dass sie ihre Alleingänge oft nur deshalb inszeniert hat, weil sie testen wollte, was ich mir so alles gefallen lasse. Die Antwort war einfach: alles. Gott, ich möchte gar nicht wissen, wie sie mich in Erinnerung hat. Vermutlich als willenlosen Softie mit einem Haufen Geld, der sich alles kaufen konnte außer den Respekt seiner Mitmenschen. Sie können mir glauben, ich habe an mir gearbeitet seit damals. Ich benötige nur noch eine Chance, um ihr das zu beweisen. Spaziergang wird das keiner, das ist mir klar.
Ja gerne, bitte noch einen Whisky. Auf für den Herrn – was hätten Sie gerne? Sie trinken einen mit mir? Wunderbar! Darf ich Sie noch mal um Feuer bitten? Ich bin
nervös, meine Hände schwitzen, furchtbar. Ich muss mich entspannen. In einer Viertelstunde ist sie hier.
Natürlich wird sie mir Vorwürfe machen. Mal sehen, ob ich das durchstehe. Ein paar Vorwürfe habe ich mir allerdings verdient, keine Frage. Nur sie treibt die Dinge oft ein wenig zu weit. Damals zumindest. Wie sie heute ist? Schön, erfolgreich, selbstbewusst, hoffe ich zumindest. Sie hat mir ein Foto von sich geschickt, irgendwo am Strand in Mexiko. Richtig glücklich sah sie aus. Sie war schon mal dünner, aber sie ist schließlich auch nicht mehr 15. Ach so, charakterlich, meinen Sie. Keine Ahnung. Ich lass mich überraschen.
Tja, eine gute Frage, warum ich mir das antue. Obwohl die Beziehung bestimmt nicht optimal war, habe ich sie wohl im Nachhinein auf einen Sockel gehoben, wie Sie vorhin so treffend angemerkt haben. Keine der Freundinnen, die ich nachher hatte, konnte es mit ihr aufnehmen. Dabei habe ich wohl übersehen, dass jede Beziehung einzigartig ist und noch viel mehr Menschen weh getan. Ich möchte das alles hinter mir lassen, endlich diesen kindlichen Idealzustand demontieren, den ich so lange in mir herumgetragen habe. Aber ich glaube, genau dazu brauche ich sie. Das ist das eine. Das andere ist, dass ich heute 30 werde und nicht noch mit 40 sagen möchte: Da ist was offen in meiner Vergangenheit, das ist nicht abgeschlossen. Ja, sie tut mir einen Riesengefallen dadurch, dass sie eingewilligt hat, mich zu sehen. Vielleicht können wir heute das Kapitel schließen oder ein neues beginnen. Ich wünsche mir natürlich Zweiteres. Obwohl sie mir natürlich sagen wird, dass ich alle Chancen dieser Welt hatte und sie nicht genutzt habe. Ich könnte mir aber nichts Schöneres vorstellen, als dass die Dinge wieder so wären, wie sie früher waren. Mit einer Frau, die ich gar nicht mehr kenne? Mann, Sie entwaffnen mich wirklich. Ihre Kommentare eröffnen mir eine völlig neue Perspektive. Vielleicht hätte ich wirklich mal mit jemandem reden sollen, anstatt das alles nur in mich reinzufressen. Und bitte entschuldigen Sie den Gefühlsausbruch von vorhin. Meine Nerven liegen wohl ziemlich blank.
Entschuldigen Sie mich kurz, ich muss mal schnell einen Sidestep machen. Bin gleich wieder da.
So, hier bin ich wieder. Ihr Kontaktmann ist auch noch nicht da? Also die Frau meiner Träume sollte bald kommen, sie ist immer überpünktlich und ist immer beinahe die Wand raufgegangen, wenn ich mal ein paar Minuten zu spät kam. Deshalb sitze ich übrigens schon seit eineinhalb Stunden hier. Am besten, ich trinke jetzt keinen Alkohol mehr. Ich werde es schließlich mit einem rhetorisch sehr versierten Gegenüber zu tun haben. Ich möchte voll zurechnungsfähig sein. Das Problem ist vor allem das, dass sie so untergriffig ist, so viele Vorwürfe und Seitenhiebe in Nebensätze verpackt und dadurch kaum angreifbar ist. Es sind nie ihre Taten, die verletzen, immer nur die Worte, wie Speerspitzen. Äußerlich ist sie eher kühl, gefasst. Aber wehe, sie wirft ihr Mundwerk an, dann ist sie nicht mehr zu stoppen. Rette sich, wer kann. Sie finden mich zimperlich? Sie finden, ich hätte ein paar Retourkutschen verdient? Ja, natürlich, da haben Sie schon Recht. Ein paar bin ich auch bereit zu akzeptieren, aber ein Reigen an Vorwürfen und Seitenhieben führt ja zu nichts. Deshalb bin ich hier, ich möchte die Dinge ein für allemal klären. Wie bitte? Weil ich vorhin gesagt habe, dass ich keine Erklärung hätte? Das ist natürlich wahr. Ich werde einfach versuchen, ihr verständlich zu machen, dass es für manche Dinge eben keine Erklärung gibt. Ihre Frauen haben das noch nie verstanden, geschweige denn akzeptiert? Sie glaubten immer, dahinter verstecke sich etwas Größeres, Drohenderes, das es zu verschweigen gelte? Ich sehe, wir sind an ähnliche Frauen geraten, Horst.
Wie auch immer, ich brauch was anderes zu trinken. Herr Ober, haben Sie Badoit? Hätte mich auch gewundert. Dann ein Evian, bitte! Vielen Dank, sehr freundlich. Nein, der Tisch ist auf ihren Namen reserviert. Aber ich sehe sie bestimmt, sobald sie reinkommt. Ich sitze ja strategisch günstig. Und ganz unter uns, sie ist nicht zu übersehen.
Ich setze mal zur Sicherheit meine Brille auf, damit ich sie auf keinen Fall übersehe. Hm, nein, also die ist zu jung, das ist sie nicht. Die auch nicht. Ärgerlich, auf einmal sind so viele Leute am Eingang, dass ich kaum etwas sehe. Soll ich hingehen und in der Zugluft auf sie warten? Nein, ich glaube, da komme ich mir blöd vor. Ich sehe sie von hier aus und bin dann gleich an ihrer Seite.
Eine Vorspeise, hier an der Bar? Warum nicht. Sie hat sich wohl verspätet. 20 Minuten. Für ihre Begriffe eine Ewigkeit. Haben Sie Lust auf die Antipasti-Platte, Horst? Besonders viel krieg ich jetzt sowieso nicht runter. Mein Magen ist ganz flau. Vielleicht ist ihr was dazwischengekommen, meinen Sie? Beruflicher Termin, am Samstag? Möglich ist alles. Aber sie hat ja meine Handynummer. Sehen Sie, voller Empfang, keine verpassten Anrufe. Kein Mail auf meinem Blackberry, da haben wir es Schwarz auf Weiß.
Es läutet! Ja? Ach hallo, Stéphanie, du bist’s. Was ist denn so wichtig? Heute am Samstag? Mein frühester Termin ist am Montag, sagen Sie ihm das. Nein, ich bin nicht mehr erreichbar. Wirklich nicht. Salut.
OK Horst, kein Problem, war sehr nett, mit Ihnen zu plaudern. Ihr Kontaktmann sieht ein wenig zwielichtig aus, wenn ich mir diesen Kommentar erlauben darf. Stimmt, so sind sie oft, die Kontaktmänner. Ja, halten Sie mir die Daumen. Und rufen Sie mich an, wenn Sie mal in Paris sind.
Wie? Aber natürlich wird sie kommen. Ich weiß, dass sie kommen wird.
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