Im Schnitzelhaus saß ein Mann, der eine Qualitätszeitung las. Ich hätte mich neben ihn setzen können, den ich im Vorbeigehen durch das hell erleuchtete Fenster gesehen hatte. Ich hätte mich schräg gegenüber von ihm platzieren können, meinen Rock wie zufällig beim Niedersetzen ein wenig nach oben schieben können. Mit ihm über die Glosse vom Glattauer, den Kommentar vom Franzobel reden können. Ihn fragen können, ob er den Wohlfühlteller empfehlen könne. Ihn fragen, ob er wüsste, was man bei krampfhaften Hustenanfällen im Kleinkindalter tut. Ob dies in jedem Fall nach einem Arzt verlange. Ich hätte mit ihm dort bleiben können bis zur Sperrstunde, lange nach Einbruch der sicheren Dunkelheit, in der ich mich wohl fühle. Dann hätte ich wieder gehen können, ihn ratlos ohne Visitenkarte, mit nicht einmal einem Namen zurücklassen können. Er hätte sich insgeheim Fragen gestellt, was denn die Mutter eines Kleinkindes mitten in der Nacht in einem Schnitzelhaus mache und warum sie so kurze Röcke trage. Warum sie gebildeter war, als sie über ihr Äußeres vermitteln wollte. Er würde keine Antworten bekommen. Er war einfach nicht der Richtige. Er war kein Fisch.
Stattdessen ging ich ein paar Straßen weiter in die Pizzeria “Amico”. Der Tisch, an den ich mich zu setzen entschloss, war lange unberührt gewesen. So lange, dass sich auf dem wohl vor Monaten dort hingestellten Gedeck eine Staubschicht gebildet hatte. Ich blieb sitzen, ließ mir vom Kellner eine speckige Speisekarte geben, stelle fest, dass ich keinen Hunger hatte und bestellte die große Antipasti-Platte sowie Spaghetti ai frutti di mare. Ich wartete, dass etwas passierte. Wartete, dass zufällig ein Fisch vorbeikäme. Es kam keiner. Ich würde mich schon auf die Suche nach ihm machen müssen. Manche Dinge ändern sich nie, dachte ich ärgerlich, bezahlte und machte mich auf den Weg.
Gestatten, mein Name ist Sarah. Ich sammle Fische. Verlorene Seelen. Menschenhüllen, in denen sich nichts mehr rührt. Lebewesen, die auf Autopilot geschalten haben, die einfach nur existieren, die keine Empfindungen, Gefühlsregungen, Höhen oder Tiefen mehr haben. Menschen, die vielleicht einmal zu oft enttäuscht worden sind und deshalb ein Mäuerchen um sich und ihre Seele bauen. Bei dem Gedanken muss ich schmunzeln. Mäuerchen wie Bäuerchen. Da fällt mir mein Säugling ein und wie irrsinnig es ist, dass man bei Kleinkindern jede noch so unappetitliche Gefühlsregung niedlich findet. Dieser Ansicht bin ich mitnichten. Vielleicht bin ich auch einfach nur eine schlechte Mutter. Tut mir leid, aber ich wollte dieses Kind nicht, wirklich nicht. Deshalb passt jetzt eine andere verlorene Seele auf das Kind auf. Er kann der Vater sein oder auch nicht. Welchen Unterschied macht das schon.
Fische verlangen nacheinander. Vielleicht bin ich deshalb permanent auf Achse. Nie halte ich es mit einem Fisch lange aus. Und er nicht mit mir. Das ist OK so, wir sind nicht für die Ewigkeit geschaffen. Wir vergleichen die Höhe unserer Mauern, tauschen Abwehrtechniken aus, haben hin und wieder Sex miteinander, natürlich ohne dabei auch nur ein bisschen in den anderen vorzudringen. Betreiben eine Internetseite mit exklusivem Mitgliederbereich. Alljährlich veranstalten wir einen Wettbewerb, wer es geschafft hat, mit den wenigsten menschlichen Kontakten auszukommen im vergangenen Jahr. Wer es geschafft hat, jede liebevolle Gefühlsregung, jeden Hass, Wut oder Trauer, bereits im Keim zu ersticken und das Pokerface alle heiklen Situationen hindurch bewahrt hat. Wer so kalt und unnahbar ist, dass er oder sie niemals die echte Zuneigung eines anderen Menschen anziehen würde. Ich finde, in all diesen Disziplinen bin ich hervorragend, unschlagbar. Nun gut, beinahe unschlagbar. Ich werde jedes Jahr Zweite. IMMER. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie sehr mich das ärgert. Ich hasse es zu verlieren. Und noch dazu gegen ihn, den Oberfisch. Ich ertrage das nicht. Ich muss seinem Geheimnis auf die Spur kommen. Was ist er, was ich nicht bin? Wo hat er noch weniger Gefühle als ich? Wie schafft er es, noch kälter, noch unnahbarer zu sein? Das Rennen ist noch nicht vorbei. Viele Schlachten habe ich verloren. Doch den Krieg werde ich gewinnen. Ganz sicher.
Wenn ich auf Fischfang bin – und nicht nur dann, aber dann ganz besonders – achte ich peinlich darauf, nicht den falschen Eindruck zu vermitteln. Aufgrund meines sympathischen Äußeren könnte irgendein Nicht-Fisch glatt meinen, ich sei nett, gefühlvoll, sensibel, zugänglich. Damit ich nicht die lästige Aufgabe habe, ihn an meinen kalten Schuppen abprallen zu lassen, versuche ich, gleich klarzumachen, was hier Sache ist. Ich trage den Kopf stets ein wenig zu hoch, um als sympathisch eingestuft zu werden. Stets habe ich die Kopfhörer meines MP3-Players in den Ohren. Manchmal ist er ausgeschaltet, aber egal, Hauptsache, ich kann mich abkapseln. Falls ein ganz besonders Hartnäckiger auf den Gedanken kommen sollte, mich dennoch anzusprechen, kann er sich meiner grenzenlosen Verachtung sicher sein. Ich leere meine kalte Fischsuppe über ihn aus wie Gülle. Spätestens dann sind sie alle weg und ich habe wieder meine heilige Ruhe. Nur wenn ein Fisch meines Weges kommt, mache ich meine Tür auf. Natürlich ist es keine richtige Tür. Es ist eine Attrappe. So sind wir Fische. Wir tun so, als ob und sind glücklich dabei. Naja, nicht richtig glücklich. Der Oberfisch, von dem man viel lernen kann, hat mal gesagt, dass Fischliebe ist, wenn sich zwei Fische in ihren Störungen ergänzen. Sehr schön auf den Punkt gebracht, finde ich. Oder hat er Strömungen gesagt?
Es ist schön, ein Fisch zu sein. Nie wieder Kinotränen, nie mehr Weltschmerz, nie mehr dunkle Löcher, aus denen man geläutert wieder auftaucht oder auch nicht. Nie mehr peinliche Berührung, nie mehr Mitgefühl mit Menschen, denen es schlechter geht als mir. Keine Scham über diese Welt, in der wir leben. Keine historischen Schuldgefühle. Früher hätte ich das charakterlos genannt. Aber nun bin ich ein Fisch. Was soll ich machen, ich kann nicht aus meiner Haut.
Meinen Artgenossen muss ich nichts erklären. Sie spüren genauso wenig wie ich Nostalgie, Sehnsucht oder Herzschmerz. Und vor allem keine Liebe, keine Freundschaft, keine Treue. Sie sind einfach nur. Wie Fische in der Strömung eben. Wir kennen keine dauerhaften Bindungen, denn wir wissen, dass wir beziehungsunfähig sind. Wir haben uns zu oft den falschen Leuten geöffnet. Nun wollen wir nicht mehr, denn wir haben so oft verloren. Wir müssen das schützen, was noch von uns geblieben ist. Unsere Substanz. Um die haben wir einen Schutzwall gebaut, eine Mauer. Meine Helden sind diejenigen, die den dicksten Schutzwall haben, die schärfsten Aufpasser vor der Haustüre. Dort, wo keiner durchkann. Früher hätte ich vielleicht versucht, mit ein wenig Wärme ins Innere zu gelangen. Heute weiß ich, dass das keinen Sinn hat. Wenn andere in den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings Geborgenheit und positive Gefühle spüren, fühle ich nur die physikalische Wärme. Als Fisch brauche ich schließlich nicht mal das. Weihnachten ist für mich ein Sammelsurium an fetten Speisen und überteuertem Christbaumschmuck. Mit Begriffen wie Heimeligkeit, Zufriedenheit, Besinnung verbinde ich nichts. Wir Fische erwarten uns nichts vom Leben außer klare Sicht und reines Wasser. Wenn ab und zu mal ein besonders schöner Fisch vorbeischwimmt und ein paar Momente bei uns verharrt, so macht es das Leben bunt. Wenn es nur grau ist, macht es uns auch nichts aus, denn wir spüren nichts. Keine Hochs, keine Tiefs, keine Euphorie, keine bodenlose Zerstörung. Wir haben uns vollständig im Griff. Damit das auch so bleibt, schauen wir anderen nie länger als notwendig in die Augen. Denn Augen sind der Schlüssel zur Seele. Und obwohl es in unserer Seele nicht viel zu sehen gibt, sind wir vorsichtig. Ein bisschen abergläubisch sind wir. Wir sind eben auch nicht perfekt. Nur beinahe.
Wie zufällig bin ich in der derzeit angesagtesten Bar gelandet, setze mich auf einen ultraschicken Barhocker, trinke Tequila Sunrise. In Bars und Diskos fühle ich mich wie ein Goldfisch unter Silberfischen, denn schließlich bin ich ihnen allen überlegen. Alles ist im Fluss, alles ist vorübergehend, es sind kurze, intensive Begegnungen, was immer intensiv heißen mag. Leider muss ich immer wieder glupschäugige Nicht-Fische abwimmeln. Ziehe mir gerade die Lippen nach, als der Oberfisch höchstpersönlich zur Tür hereingeschlendert kommt. Blicke prallen an ihm ab wie Wassertropen auf den Blättern der Lotusblume, ohne Spuren zu hinterlassen. Er ist gut, nach wie vor, das muss ich ihm lassen. Er muss mich schon längst gesehen haben, würdigt mich aber keines Blickes, steuert aber betont gleichgültig in meine Richtung. Gut, sehr gut macht er das. Ich ziehe an meiner Zigarette, blase Kreise in die Luft. Sein Zeigefinger zerstört den schönsten meiner Ringe. Ich drehe mich zu ihm um, hebe die Augenbrauen. “Hallo”, sagt er nur, sieht mir eine Millisekunde in die Augen, ehe sich sein gleichgültiger Blick in den Weiten der Bar verliert. Das Match ist eröffnet, denke ich und sage “Hi”. Immerhin drei Buchstaben weniger als er.
Oberfisch zündet sich ein übel riechendes Zigarillo an. Bläst einen schöneren Ring als ich in die Luft. Ich zerstöre ihn mit meinem Zeigefinger. “Lange nicht gesehen, was?” sagt er zu seinem Martiniglas. “Tja”, sage ich so unverbindlich wie möglich zu meinem Tequila Sunrise. Am anderen Ende der Bar steht ein äußerst schicker, äußerst fischverdächtiger Mann, ganz nach meinem Geschmack. Verstohlen lächle ich ihm zu. Er reagiert nicht. Vielleicht habe ich zu verhalten gelächelt. Oberfisch starrt nun auch in Richtung potentieller Fang. Jener wendet sich einer dunkelhaarigen Gazelle zu. Mist. Er nippt an seinem Martini, ich an meinem Tequila Sunrise. Wir haben uns schon lange nichts mehr zu sagen. Zwei Fische in einem Aquarium, wir schwimmen beide im gleichen Strom, aber jeder für sich selbst.
“Na dann…” Er wendet sich von mir ab, sein Blick bleibt an seinem mittlerweile leeren Martiniglas hängen. Nach einem kurzen Zögern, als ob etwas noch offen wäre zwischen uns, bestellt er sich einen neuen. Er fragt mich nicht, ob ich auch noch etwas möchte.
Der DJ brüllt eine unverständliche Ankündigung in sein Mikrofon. Die schicken Barbesucher scheinen begeistert zu sein, ich verstehe nicht, warum. Natürlich verstehe ich auch nicht so genau, warum man begeistert ist. Geschweige denn, wie es sich anfühlt. Die Musik wird lauter. Passenderweise “If it makes you happy” von Sheryl Crow. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit schießen lange vergessene Dinge zurück in mein Bewusstsein. Schaue mit zusammengekniffenen Augen in Richtung Ausgang, habe nichts bemerkt, nichts gehört, nichts gefühlt, bestimmt nicht. Neben mir lässt sich Oberfisch mit dem Rücken an die Theke sinken und sagt, so leise, dass man es beinahe nicht hört: “Gott, dieses Lied. Dieses Lied.” Er will mir dabei in die Augen sehen, was ich nicht zulasse. Ich putze mir die Asche, die auf meinen Rock gefallen ist, ab. Verträumt wippt er mit seinen polierten Schuhen. “Weißt du noch?”
“Weiß ich was noch?”
Unvermittelt reißt er an meinem Barhocker, packt mich an den Schultern. Mir bleibt nun wirklich nichts anderes übrig, als ihm in die Augen zu sehen. “WAS DENN?” sage ich, vielleicht ein wenig zu laut. Peinlich berührt über meine Unbeherrschtheit sehe ich weg.
Er versucht mitzusingen, bewegt die Lippen, bekommt den Text durcheinander. Kann der denn gar nichts richtig machen? denke ich noch. Versuche, mich an diesen zynischen Gedanken zu klammern, damit er die Wahrheit überlagert. Er hält meine Schultern fest umklammert. So fest, dass es körperlich weh tut.
“Mensch, Sarah, natürlich weißt du das noch. Dieses Gefühl in der Luft, diese Freiheit. Die Sommernacht. Dieses Lied, im Auto, immer und immer wieder. Spürst du es denn nicht mehr?”
“Bevor du es verbockt hast”, hätte ich beinahe gesagt, aber eher würde ich mir die Zunge abschneiden, als einzugestehen, dass es nur dann nicht schmerzt, wenn ich mich selbst verleugne. Sobald ich das Fischkostüm ausziehe, ist der Schmerz allgegenwärtig. So betäubend, dass ich mich manchmal selbst nicht spüre. Ich könnte sagen: Wir haben Scheiße gebaut, wir haben uns verletzt, es hat sich aufgeschaukelt, na und? Versuchen wir es noch mal. Ja, ich könnte. Aber ich kann nicht wollen, will nicht können. Es ist etwas gestorben in mir.
“Ich habe keine Ahnung, wovon du redest”, sage ich stattdessen. Meine kurze Phase der Schwäche ist vorbei. Als echter Fisch habe ich mich voll unter Kontrolle.
Sein Griff an meinen Schultern lockert sich, langsam, beinahe unentschlossen, als ob nicht längst alles entschieden wäre. Ich spüre ein wenig mehr als nur das Gewicht, den Druck. Nicht viel, aber ein bisschen mehr. So etwas wie Wärme. Ein bisschen so wie damals, in einer anderen Zeit, als wir noch nicht Fische waren. Schnell entwinde ich mich und stürze hinaus ins Freie, die letzten Takte des Liedes begleiten mich. Spüre einen Sieg, der einen bittersüßen Geschmack in meinem Mund hinterlässt. Ich zünde mir die nächste Zigarette an und mache mich auf, denn ich muss weiter. Die Nacht hat gerade erst begonnen.
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